Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann?

„Ich habe mich gerade eine Stunde lang unterhalten“, erzählte mir eine Seniorin mit leuchtenden Augen. „Da kam nämlich ein Mann in die Gemeinde, der kaum Deutsch konnte. Wir haben die ganze Zeit mit Händen und Füßen geredet. Und: Der war ein Neger!“

Ja, wenn man über 80 Jahre alt ist, sein Lebtag hart gearbeitet und wenig diskutiert hat, heißen schwarze Menschen „Neger“. Und wo jeder politisch aufgeklärte Mensch nach einer DolmetscherIn gesucht und sein Gewissen auf kulturelle Defizite erforscht hätte (für das Gespräch bleibt dann natürlich keine Zeit), beginnt diese Dame trotzdem eine Unterhaltung: Mit Händen und Füßen, pardon mit Gesten.

Manchmal frage ich mich, was wir in der Kirche mit unserer Laut- und Schriftsprache eigentlich machen. Sprache schafft Wirklichkeit.
Zu recht weisen Gehörlose darauf hin, dass sie nicht taubstumm, weil eben nicht stumm sind. Homosexuelle haben die Bezeichnungen „Schwule“ und „Lesben“ irgendwann einfach  gekapert, um sie von Schimpfwörtern zu Alltagsbegriffen zu drehen. Und dass ich in meinen Posts das Binnen-I schreibe, ist sicher auch schon aufgefallen.

Andererseits weiß ich als Öffentlichkeitsreferentin (ÖR) nur zu gut, was es heißt, in einer Sprache zu sprechen und zu schreiben, die mir nicht gleichzeitig mit dem Schnabel gewachsen ist. Rundgeschliffen wie ein Kiesel, auf Konsens und Politische Korrektheit bedacht – das wird von einer ÖR und auch von einer Pfarrerin verlangt.

Zum Einen entspringt das politischer Notwendigkeit: Wer Muss/Soll/Kann-Bestimmungen unterscheiden kann, weiß, was gemeint ist. Doch macht gerade das die Arbeit einer ÖR oft sehr schwer. Die Entscheidungen der Kirche in verständliches Deutsch zu übersetzen, z.B. in einer Pressemitteilung für die Zeitungen, ohne von den oft mit viel Liebe und Mühe entwickelten kirchlichen Sprachregelungen abzuweichen, ist schwierig.
Ein weiterer Grund liegt häufig in dem Druck, den KollegInnen und Gemeindeglieder einem machen. Sie greifen alles an, was nicht zu ihrer sprachlichen Erwartungshaltung passt. Das erklärt auch, warum viele PfarrerInnen auf den ersten Blick so langweilig wirken.

Dabei ist eine gewisse „Mainstreamsprache“ in der Kirche durchaus nützlich, denn man hat mit so vielen unterschiedlichen Menschen und Redensweisen zu tun, dass es nicht jedes Mal möglich ist, sich neu einzustellen. Neulinge und Außenstehende fallen mir deswegen meistens auf, weil sie den Kirchenslang nicht beherrschen.

Dass die Kirche gar nicht so offen für die Menschen ist, wie sie das gerne hätte, ist darum ein Thema, das mir in der Öffentlichkeitsarbeit immer wieder begegnet. Zum Beispiel wenn ich den Text eines Flyers so lange zusammenkürze, bis man wieder erkennt, was die Leute wissen sollen und nicht, was die Vorbereitungsgruppe lesen möchte. Oder wenn sich ein Kollege an mich wendet, damit ich ihm die Bildzeitung für ein bestimmtes Projekt kaufe, weil die ÖR „das ja dürfe ohne rot zu werden“.

Ich muss zugeben, dass ich den „schwarzen Mann“ aus dem Spiel bis heute für einen Schornsteinfeger halte und den „Negerkuss“ für ein süßes Kompliment. Aber je nach dem, wo ich mich befinde, bin ich mit dem „Plumpssack“ und einem „Schokokuss“ besser beraten. Das Reden in vielen Sprachen ist Pfingsten und Babel zugleich. Wie wunderbar die alte Dame, deren Herzlichkeit frei von sprachlichen Schablonen ist. Darum macht der junge Mann auch mittlerweile in der Gemeinde mit.

Foto: Supaari