Im Spiegel der Kunst

Fotocollage aus neun Bildern. Erläuterungen jeweils im Text. 
Drei Hinweise, weil es nicht selbsterklärend ist: Nr. 2 von Shatta zeigt ein Gesicht, das aus mehreren Gesichtern oder Gesichtsteilen besteht und mich darin sehr an Picasso erinnert, weil die Physiognomie nicht so dargestellt wird, wie sie wirklich ist. Drumherum sind schwarze Personen gemalt mit Federn als Kopfschmuck und Symbolen, die ich aber nicht erkennen kann. Bild Nr. 4 zeigt zwei gründe Gießkannen, die ich in der Kirche in einer Nische entdeckt hatte. Bild Nr. 8 zeigt eine ältere Frau, die gerade die Bilder der Ausstellung mit ihrer Kamera fotografiert und die ich dabei fotografiert habe.

Ich bin in Berlin gewesen. Donnerstag Nachmittag hin, Sonntag Morgen zurück. Der Bundesparteitag der FDP fand dort am Samstag und Sonntag statt. Als zuschauendes Mitglied konnte ich auch ohne Amt ein Zimmer aus dem Parteikontingent buchen. Am Freitag wollte ich mich aber erstmal der Fotografie widmen.

Also machte ich mich vormittags auf zum Museum für Fotografie und der Helmut Newton Stiftung. Über sein wohl berühmtestes Bild „They are coming (naked)“ von 1981 hatte ich als junge Frau viel nachgedacht. Die Ausdruckskraft dieser Frauen, die unbekleidet zu Sexobjekten werden, aller Stärke zum Trotz oder vielleicht doch deswegen, die Frage nach der Legitimität dieser Darstellung und meine eigene Position als Frau sowohl zur Aktfotografie als auch mit Blick auf mein Selbstbild, all das hat mich vor 30 Jahren sehr beschäftigt. Helmut Newtons Fotos waren darin ein wichtiger Teil. Der Besuch bei ihm war darum auch ein Besuch bei mir selbst und der Entwicklung, die ich über die Jahrzehnte genommen habe. Das berühmte Bild als ganzes oder weitere seiner Akt- und Kinkfotos waren nicht zu sehen, nur einzelne Frauen in der typischen Pose mit den langen knochigen Beinen (1). Die Räume der ersten Etage waren wegen Umbaus geschlossen, daran mag es gelegen haben.

In der zweiten Etage ging es mit „Inside Archives. Intervention zum Nuba-Werk von Leni Riefenstahl“ weiter. Diese kleine Ausstellung wurde von Studierenden des Masterstudiengangs Kunst im Kontext an der Universität der Künste in Berlin und sudanesischen Künstlern initiiert. Sie hatten das archivarische Material Riefenstahls zu den Nuba gesichtet und durch Recherche, Interviews und eigene Arbeiten zu einem partizipativen und dynamischen Prozess transformiert. Dabei verzichteten sie bewusst darauf, Riefenstahls Werke zu zeigen und damit Objektifizierung, Rassifizierung und falsche Ästhetisierung zu wiederholen oder die Fotografin durch Veröffentlichung ihrer Arbeiten zu würdigen. Das Bild hier in der Collage (2) zeigt einen großen Ausschnitt des Gemäldes „The Dancer of the Kambala“ des Künstlers Khalid Shatta.

Wie schon als junge Frau bei Newton bin ich damit wieder beim Betrachten des Betrachtens von Bildern, diesesmal der Nazi- und Kolonialzeit. Nicht erst seit meinem Kontaktstudium befasse ich mich mit Imaginationstheorie und Sinnfeldontologie. Beide gehen davon aus, dass man in einem Bild nicht nur sieht, was es durch Material und Komposition zeigt, sondern vor allem das, was man durch eigene Prägung, durch Vorerfahrung und Erwartungen „hineinsieht“. Das Ergebnis der eigenen Sicht ist daher bestenfalls ein Mischwerk. So wird die Eigenständigkeit der beobachteten Kultur überformt. Das mag erkenntnistheoretisch notwendig sein, zieht aber häufig die ganzen internalisierten Mechanismen von Race, Sex usw. nach sich. Die Studierenden begegnen dem, indem sie die Verengung von Riefenstahls Perspektive durch multiethnische Pluralität aufweiten und die Nuba durch Beteiligung wieder zum Subjekt ihrer Darstellung und ihres Handelns machen. Dazu gehört auch, dass diese Riefenstahls Nachlass eher ambivalent, statt nur negativ betrachten, weil sie dessen dokumentarischer Seite eben doch etwas abgewinnen können. Abends im Hotel hatte ich mir einen Radiobericht und die Website zur kritischen Erforschung des Nuba-Nachlasses herausgesucht.

Tagsüber wurde es hingegen Zeit für die Mittagspause. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit der Schutzmantelmadonna aus Stalingrad (3) des Michaelsbruders Kurt Reuber lag quasi direkt gegenüber. Sie ist eine meiner Lieblingsikonen. Da hätte ich mit den Bildern in, auf, über den Bildern und ihrer historischen Einordnung gleich weitermachen können. Statt dessen stromerte ich ein bisschen durch die Kirche (4), betete vor der Ikone das mittägliche Angelus und ging anschließend beim Vietnamesen einen Glasnudelsalat (5) essen.

Danach spazierte ich zurück ins Museum zu Ausstellung Nummer drei: „Neue Frau, Neues Sehen. Die Bauhaus-Fotografinnen“. Darauf hatte ich seit Monaten hingefiebert. Als ich endlich dort war, habe ich mich entsprechend gefreut. Doch später, als sich die Eindrücke gesetzt hatten, ließ sie mich seltsam unbefriedigt zurück. Dabei war der Einstieg gelungen: Mit Selfies der Fotografinnen (6) knüpfte die Ausstellung an die Erfahrungswelt der Besucher:innen an. Wie von der Künstlerin Marianne Brandt vorgemacht konnte man sich in Kugeln selbst ablichten (7). Auch dagegen, dass viel Grundlagenarbeit gezeigt wurde, wie sie damals in den Fotoklassen gelehrt wurde und noch lange nicht sattgesehen war, hatte ich nichts einzuwenden. Doch ab da ging es irgendwie nicht mehr richtig weiter. Die fehlenden Biographien wurden am Eingang lapidar am Beispiel einer Künstlerin erklärt, die ab der Heirat die Kamera beiseite legte und Hausfrau wurde. Später, als sich der Blick auf verschiedene Sujets ausweitete, wurde auf die struktuerelle Unsichtbarmachung von Fotografinnen verwiesen, indem man bei Veröffentlichungen ihre Namen nicht nannte. Diese jetzt zwar nachzureichen, es aber dabei zu belassen, ist etwa 100 Jahre später für ein Museum folglich zu wenig. Und was hätte man nach Selfies, Fotoschule und Erweiterung des Horizonts noch für Linien ziehen oder zumindest ausweisen können: Noch mehr Bauhaus, Surrealismus, Dada, Magnum; man denke an die ganzen Profilansichten und Fotogramme, die man bisher nur von Man Ray kannte. Während die Kunstklasse zu „Inside Archives“ eine kleine, feine, zweisprachige und bebilderte Broschüre herausbrachte und zwar kostenlos, hat es beim Bauhaus für einen Katalog ebenfalls nicht gereicht. Womit ich wieder beim Beobachten des Beobachtens wäre: Frauen sehen, wie sie gesehen werden (8). Wir sehen, ob eine Ausstellung Frauen zeigen will und was sie hervorgebracht haben oder doch nur, womit sie sich zufrieden geben sollen.

Am Mittag hatte ich mir aus der Gedächtniskirche eine Kerze mit dem deutschen Text des Nagelkreuzgebetes mitgenommen, dessen Übersetzung nicht sonderlich gut gealtert ist. Im Buchladen des Fotomuseums kaufte ich später ebenfalls ein: „Frauen sehen Frauen. Eine Bildgeschichte der Frauen-Photographie“, dazu reichlich Postkarten. Zurück im Hotel packte ich die Beute (9) aus, trank Tee und schrieb meine Grüße. Das Buch würde ich mir erst in den nächsten Tagen zu Hause anschauen.


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2 Kommentare zu „Im Spiegel der Kunst

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