Kissen im Kreuz

Blick auf den Fahrersitz meines Autos. Dort liegt ein fliederfarbenes, fluffiges Kissen von der Größe eines Sofakissens, auf dem ein moppeliges, kaugendes Einhörn abgebildet ist. Darüber steht in weißer Schrift "Kekfe? Welfe Kekfe?"

Die letzte Woche zu Hause ist wie im Flug vergangen. Wirklich krank fühlte ich mich nicht, schon genesen aber auch nicht. Das führte zu zwei Kompromissen: So konnte ich meinen üblichen Wochenrhythmus in einer Schmalspurversion beibehalten, auf dass ich nicht völlig unvorbereitet in die nächste Woche starte und auf jeden Fall starten möchte. Gleichzeitig haben der Hausarzt und ich mit Blick auf mein Gesamttableau und meine Schmerzmittelschlechtverträglichkeit überlegt, dass ich mit Hausbesuchen und Beerdigungen erst nach Ostern wieder anfange. Beim Autofahren stecke ich mir so lange ein fluffiges Kissen ins Kreuz, das mir Frau K. einmal vor Jahren geschenkt hat und von dem ich mich nicht trennen kann.

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Mit dicker Backe

Mein Krankenbett mit zerwühlter Bettdecke, im Hintergrund das geöffnete Fenster mit Sicherheitsbalkongitter und dem schemenhaften Blick auf den Teutoburger Wald. (Aus meiner Reihe: Geöffnetes Fenster am Morgen.)

Kürzlich sollte ich im Internet aus einer Einsamkeit gerettet werden, die ich gar nicht empfinde. Das gab hinter den Kulissen einen größeren Aufriss, zumindest bis ich meine vermeintliche Rettungsbedürftigkeit verstanden hatte. Außerdem sollte ich einsehen, dass es als unhöflich gilt, darauf hinzuweisen, dass Nazivergleiche in nahezu allen Fällen kompletter Mist sind. Das hat mir ebenfalls nicht eingeleuchtet. Manchmal wundert man sich, wenn es endet, wo es endet.

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Vorgestern

Obere Hälfte der Mitgliedskarte meines Urgroßvaters Albert, geb. 22.7.'81, Ort: Pl., Stand: Arb., eingertr. 1.5.33. Ausgetr: lt. We. Sd. V/35/51. Den Nachnamen außer dem Anfangsbuchstaben B und die letzten Zahlen der Mitgliedsnr. habe ich verpixelt. Die Karte ist diagonal handschriftlich durchgestrichen.

Der us-amerikanische National Archiv Catalog hat die Parteimitgliedschaften der NSDAP veröffentlicht. Man kann sich auf die Suche machen und Namen eingeben. Ich fand meinen Großvater väterlicherseits. Wir wohnten bei den Großeltern im Haus und er starb, als ich 17 Jahre alt war. Er trat 1940 in die Partei ein. Neben den Geschichten von der Front und aus dem Krieg erinnere ich mich daran, wie er sagte: „Ich war kein Nazi, sondern Monarchist.“

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Ein Donnerstag im März #WmdedgT

Ein großer, dunkler Baum, dahinter der See und dahinter das hügelige Ufer mit Laubwald noch ohne Laub. Das Alles im milden, warmen Licht der Abendsonne.

Im letzten Monat ging es darum, dass ich auf den Klempner wartete, weil meine Klobrille kaputt gegangen war. Heute sollte er endlich die neue bringen. Wieder hatte ich sicherheitshalber den Wecker auf 7:30 Uhr gestellt. Wie beim letzten Mal wäre das nicht nötig gewesen, denn ich wurde viel früher wach. Ich stand also rechtzeitig auf, putzte noch einmal das Klo, zog mich an, setzte Tee auf und stellte mir die Kanne um Punkt 8 Uhr auf den Schreibtisch. Tatsächlich traf der Klempner dieses Mal schon um 8:25 Uhr ein. Eine halbe Stunde später war er wieder weg und ich frühstückte ein Brot mit Geflügel-Paprika-Lyoner und später ein Stückchen Mettwurst.

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Der Sex des Chamäleons

Die beiden Exemplare nebeneinander. Links steht es aufrecht, rechts liegt es, am Kopf erhöht. Daneben rechts steht ein kleines Gummi-Chamäleon mit orangenen Füßen und Rändern. So wie die Tischdecke orange ist, auf der ich das Alles platziert habe. Und zwar auf dem Balkon in der Morgensonne mit verschwommenem Blick ins Grüne.

„Das Christentum ist nach wie vor der Chamäleon-Glaube, der es schon immer war, wie alle erfolgreichen Weltreligionen“, lautet das Resümee von Diarmaid MacCulloch am Ende seines Buches. 752 Seiten hat er sich Zeit genommen, um „Niedriger als die Engel. Eine Sexualgeschichte des Christentums“ zu schreiben. Norbert Juraschitz und Thomas Stauder haben das Werk aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Es ist aufgeteilt in fünf Kapitel plus farbige Abbildungen und Anhänge.

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