Frau Junas Buch

Frau Juna im Museum zu besuchen, ist immer sehr schön. Es gibt Tee, dazu Schokolade und Frau Juna hat ganz warme Hände. Im Mai bin ich das letzte Mal dort gewesen. Kaum vorher hatte die Zeitung mit den großen Buchstaben verraten, dass Frau Juna an einem Buch schreibt. Sie selbst war da gerade in der Findungsphase: Was soll es werden, wie soll es werden und wird es überhaupt etwas werden?

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„Na ja“, sagte ich zu ihr. „Etwas werden sollte es auf jeden Fall. Das Erscheinungsdatum steht mittlerweile fest und sogar das Gewicht: 159 g.“
Ich reichte ihr mein iPad mini, auf dem ich die Seite mit den entsprechenden Informationen aufgerufen hatte. Frau Juna bekam tatsächlich einen leichten Grünstich um die Nase.

Doch genug aus dem Nähkästchen geplaudert. Das Buch ist da, sogar einen Monat eher als erwartet. Hier sind die Verlagsankündigung mit einem Video und die ersten Termine ihrer Lesungen. „Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus“ lautet der Titel. Ein wichtiges Thema, ein ernstes Thema, ein dringendes Thema, das gerade deswegen nicht einfach zu beschreiben war. Umso mehr freue ich mich, dass es gelungen ist, dass es etwas geworden ist oder wie Frau Juna selbst es sagt: „So, nu isses raus. Das Buch. Mein Buch.“ Masel tov, meine Liebe!

Lesen und Essen

Eigentlich hatte ja alles im Frühjahr beim Grillen angefangen, gelb.jpgdoch dann war so viel zu tun, dass ich Wolf Lotters knallgelbes Buch „Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“ erst jetzt beim Urlaubsfrühstück zu Ende las. Geschrieben hatte er es, um darüber nachzudenken, wie wir von der Industriegesellschaft und ihren Problemlösungs- und Organisationsstrategien zur Wissensgesellschaft gelangen. Natürlich nicht einfach so, sondern mit Absicht: „Jeder Fortschritt besteht aber in Verbesserungen und nicht allein im Anspruch darauf, etwas ‚anders‘ zu machen. Das ist kein Wert an sich.“ Wie Lotter sich das vorstellt, leitet er historisch, oft von verblüffenden Beispielen und im Einst-Jetzt-Schema, z.B. unterschiedlicher Innovatorentypen, ab. Auf die Idee, Differenzierung und Motivation anhand der Speisegewohnheiten von Veganern zu erklären, muss man erst einmal kommen. Dass Innovation keine Aufgabe der Jungen ist, sondern als Anspruch in jedem Alter und Erfahrungshintergrund gilt, traf bei mir einen wunden Punkt, um so mehr fühlte ich mich von Lotters Buch zum Denken eingeladen. Dabei fiel es mir beim Lesen zunehmend schwer, mich zu konzentrieren, immer wieder schweiften die Gedanken Richtung Kirche und Gemeindeaufbau ab, bis ich irgendwann verstand warum. Schon länger hatte ich mich gefragt, was es eigentlich bringt, diese ganzen Bücher zu betrachten, Diskussionen zu führen und Panels zu besuchen. Was bleibt hängen, wenn danach das Leben weitergeht? Die Antwort darauf konnte ich mir bei der Lektüre dieses Buches geben: Immer wieder verknüpfte ich Lotters Thesen mit meinem kirchlichen Erleben und Arbeiten. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, bei dem ich so wenig behalten und trotzdem so viel verstanden habe. Das hat mich gleich mehrere Schritte weitergebracht. Ich finde das super und die Kirche, nun ja…

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Doofe Bücher, die doof sind

Ich lese ja bisweilen das eine oder andere Buch JuoaWi2Gund gerne schreibe ich auch darüber. Außer manchmal, wenn ich Bücher doof finde. Das passiert gelegentlich oder, um ehrlich zu sein, sogar recht häufig, dass ich ein Buch zur Hand nehme und nach ein paar Seiten wieder weg lege. Zu langweilig, der Stil gefällt mir nicht, ich komme nicht rein, whatever. Bisher bloggte ich darüber nicht. Mir tut das zu leid, für die Autor_in, die sich gewiss Mühe gegeben hat und für meinen Blog ist es mir auch zu schade. Nun liegen hier aber drei Bücher, die ich mit abnehmender Begeisterung immerhin bis zum Ende las und erstmal sacken ließ, vielleicht passiert ja noch was. Doch nein, doof bleibt doof. Also erfinde ich jetzt den „anonymen Verriss“, sofern nicht schon vorhanden und verblogge, was mir nicht gefiel. Aber ich sage nicht, wie die Bücher heißen und wer sie geschrieben hat.

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Bücher, Sätze und ein Wort

„Es war ein ungewöhnlich warmer Sommer, maupinaber die über der East Bay brütende Hitze schickte bereits fahle Nebelfinger bis in die Stadt.“ So lautet der erste Satz vom letzten Buch der von mir heißgeliebten Stadtgeschichten: Armistead Maupin, „Die Tage der Anna Madrigal“, übersetzt von Michael Kellner. Dieser nunmehr neunte Band war bereits letztes Jahr erschienen. Ich hatte ihn noch nicht gelesen, so kam er mir, als ich jetzt die zweite Woche immer noch hustend und nahezu taub im Bett lag, genau richtig. Denn Maupins Art Geschichten zu erzählen, dieser melancholische Humor mit dem Hauch Kittelschürze, ist wie das Pflaster auf dem aufgeschlagenen Knie, der Kakao an einem dunklen Wintertag, das warme Handtuch nach dem Regenguss. Zwei Sätze sind mir besonders hängen geblieben, vom Buchanfang abgesehen, und was eine „Muschi-Decke“ ist, müssen Sie selbst rausfinden. Also: „Teenager revoltierten gegen das Ende der Kindheit, und alte Leute gegen das Ende von allem.“ Und: „Man kann nicht von jemandem geliebt werden, der sich ansonsten nicht für einen interessiert.“ So einfach, so hach!

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Bücher, was mit Dylan und bisschen mitdenken

Bereits im Oktober fremdhatte ich „Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“ von Arlie Russell Hochschild in der Übersetzung von Ulrike Bischoff gelesen. Hochschild ist Soziologin, bezeichnet sich selbst als linksliberal, und hat sich aufgemacht, die amerikanische Rechte kennenzulernen, also die Landeier, Trumpwähler, Tea-Party-Anhänger. Kennenlernen heißt: Mit den Leuten reden, zuhören, versuchen zu verstehen, statt zu verurteilen. Was dabei herauskam, hat Hochschild in diesem Buch aufgeschrieben.

Wichtig für die politische Prägung sind demnach Lebensgeschichten, Gefühle und das Umfeld. Das war zu erwarten, allerdings hatte ich nicht mit derartig krassen Widersprüchen gerechnet. Wie in dem Film Erin Brokovich leben die Leute, mit denen die Autorin sprach, in durch die Industrie völlig vergifteten Gegenden, finden aber auf verquere Weise, das müsste so sein. Und auch wenn Hochschild zu recht anmerkt, „offenbar gibt es mittlerweile globale Versionen“ dieser politischen Haltung, merke ich doch, wie fremd mir diese Extreme sowohl in der staatlichen als auch der persönlichen Politik sind, das ist in Deutschland schon sehr anders.

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Mit spitzer Feder

Altes Land von Dörte Hansen ist ein Heimatroman bü1über Frauen einer ostpreußischen Familie, die im Alten Land (das ist eine Gegend nord-westlich von Hamburg) versucht heimisch zu werden. Was nach schrumpeligen Äpfeln und Flucht aus Trakehnen riecht, entwickelt sich zu einer spröden, bis ans Bittere herben Geschichte, die sich diverse Seitenhiebe auf die verschnöselte Ökogesellschaft nicht nehmen lässt und auf schräge Weise galant dabei bleibt.
Christian hatte mir zur Einführung einen Büchergutschein aus der hiesigen Buchhandlung geschenkt, den ich größtenteils für dieses Buch aufgewendet habe. Noch einmal vielen Dank dafür!

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Rundfunkgeschichte und was über Dylan (Bücher 2/2)

Wie im letzten Post angekündigt nun die zweite Runde: Zwei Bücher und eine DVD. Ich fange mit der Rundfunkgeschichte an, da geht es konkret um die 90-jährige Geschichte des Senders Langenberg, der für Nordrhein-Westfalen wichtigsten Senderanlage. Den rot-weißen Pinn auf dem Hordtberg hat jeder hier in der Gegend mindestens auf Fotos schon einmal gesehen.

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Ich bin ja nicht nur begeisterte Radiohörerin, sondern auch in der Nähe des Senders Nordhelle im Ebbegebirge aufgewachsen. Und erst kürzlich sind die Wanderfreundin und ich durch das Felderbachtal bei Langenberg gewandert. Auf dem Bild, das die Wanderfreundin dort gemacht hat, lassen sich die Sendemasten jenseits des Tales bestenfalls erahnen, aber weil die Gegend so schön ist, gibt es das Foto trotzdem:

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