Was bisher geschah

Seit einigen Jahren zeigte sich, dass ich nicht mehr so gut höre. Auch als Diagnose war es irgendwann bekannt, aber ein Hörgerät stand noch nicht zur Debatte. Hinzu kam, dass ich Geräusche nicht gut filtern kann, was allerdings nicht am Ohr, sondern an den zuständigen Synapsen liegt.

Das Hörgerät mit schwarzem Deckel, transparentem Corpus und einer kleinen Reihe dunkelblauer Buchstaben und Ziffern darauf als "Nummernschild".

Letztes Jahr wurde mein Hörvermögen schließlich so viel schlechter, dass ich im Herbst einen Termin bei einer HNO machte. Dieser verlief ausgesprochen schrecklich: Da der Hörtest durch zu viel richtiges Raten und ein im Standardverfahren fehlendes Tool teilweise auf der Grenze lang, nahm mich die Ärztin nicht ernst und ließ mich wie eine Schülerin abblitzen („Dann müssen Sie sich halt weiter nach hinten setzen.“), ohne auch nur einmal nach meinen Beschwerden zu fragen. Ich sollte in zwei Jahren wieder kommen oder wenn ich nicht mehr zurecht käme. Letzteres hatte ich seit der Terminvereinbarung der jeweiligen MFA bei jedem Untersuchungsschritt geantwortet, wenn ich sagen sollte, was mein Anliegen wäre. Dann von einer Ärztin so behandelt zu werden, war ein Scheißgefühl.

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Was bisher geschah

Eigentlich hätte ich am 3. Advent Gottesdienst gehabt, dachte ich zumindest. Aber da gibt es in der Gemeinde später am Tag Adventsmusik, der Gottesdienst morgens fällt aus. Statt also die Predigt zu schreiben, sitze ich am helllichten (naja) Donnerstag Nachmittag bei Tee, Schokolade und Kerzenschein im Wohnzimmer. Johann Sebastian Bach adventskantatet leise im Hintergrund, während ich blogge.

Teekanne und -tasse, ein Schälchen mit Schoki, zwei Kerzen, ein Engel auf einen kleinen Stein gemalt und das Macbook vor mir auf dem Tisch. (Angeschnitten.)

Nach Michaeli wechselte ich in eine neue Gemeinde, die zum „Bible Belt“ der hiesigen Innenstadt gehört. Ich hätte sie mir darum nie und nimmer selbst ausgesucht, die theologischen Differenzen sind einfach zu groß. Aber ich muss zugeben, dass es sich bisher gut anlässt. Die Zusammenarbeit mit dem Kollegen ist unkompliziert und warmherzig. Dienstgespräch (vorerst auf Zoom) alle drei Wochen, kaum länger als eine Dreiviertelstunde und möglichst nicht vor zehn, genau nach meinem Geschmack. Alle Leute, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind freundlich und offen. Nur zur letzten Presbyteriumssitzung bin ich nicht gegangen. Ich fand eine physische Sitzung mit Punsch und Keksen einfach nicht angemessen.

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Was bisher geschah

Ich hatte mir immer vorgenommen, wenn ich alt werde, gesprächsbereit gegenüber Jüngeren zu bleiben. Als ich jung erwachsen war, war das bei den Älteren häufig nicht so. Wobei es auch großartige Ausnahmen gab, an die ich mich bis heute erinnere. Doch die Meisten empfand ich als engstirnig und kaum zum Austausch bereit. Das würde ich später anders machen, so wie die erinnerten Vorbilder aus früherer Zeit. Ich würde zwar meine eigene Meinung haben, bestimmt auch mal daneben liegen, aber offen und zugwandt bleiben, damit es die jungen Leute ebenfalls sind. Aber was soll ich sagen? They don’t give a fuck, wie das heutzutage heißt.
Immerhin haben sie noch soviel Respekt, dass sie mich (wie in einem Fall) sicherheitshalber nahezu anschreien, wenn sie finden, dass ich falsch liege. Gleichzeitig bin ich ihnen aber schon so egal, dass sie meine Bestürzung darüber nicht mehr mitkriegen, weil sie sich bereits abgewandt haben.
In theoretischen Diskursen, in die ich persönlich gar nicht einbezogen bin, zeigt sich das außerdem: Ich bin jetzt in einem Alter, dessen Abstand zur erwachsenen Jugend so groß ist, dass sie zunehmend wie selbstverständlich davon ausgeht, dass ich von ihren Anliegen keine Ahnung habe. In mehreren Vorträgen und Büchern junger Autorinnen ist mir das aufgefallen.
Ich habe darum im vergangenen Jahr viel nachgedacht, um zu begreifen, was gerade in der Welt und in meinem Kopf geschieht. Seit einigen Wochen zeigt sich das Ergebnis: Soweit es mich betrifft, ist es OK.

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Was bisher geschah

Identitti von Mithu Sanyal; Generation beleidigt von Caroline Fourest und Demokratie. Eine deutsche Affäre von Hedwig Richter vor Pfingstrosen und Osterkerze.

Bisher war das Wetter im Mai eine völlige Katastrophe, mit dem Sonntag Rogate als einzige Ausnahme. Auch an Himmelfahrt, als ich Geburtstag hatte, blieb es kalt, nass und wischiwaschigrau. Mich nervt das kolossal und so langsam schlägt es mir auch aufs Gemüt. Seit Herbst sind die Schwimmbäder geschlossen, Anfang des Jahres war ich eingeschneit und jetzt ist es immer noch so kalt, dass an einen Abend auf dem Balkon nicht zu denken ist.

Eigentlich wäre ich an diesem Wochenende zum Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) nach Frankfurt am Main gefahren, wenigstens für ein, zwei Tage, um mich mit Leuten zu treffen. Doch der wurde wegen Corona ins Internet verlegt. Was mich betrifft, ist er dort auch geblieben. Ich habe mich einfach nicht angesprochen gefühlt.
Auf Twitter und bei der Jahrestagung Öffentlichkeitsarbeit als einzigen Berührungsorten glänzte nur, wer mit Insiderwissen punkten konnte. Was daran inhaltlich interessant sein sollte, war für mich aber nicht selbsterklärend und bei der Lektüre des Programms erschloss es sich mir ebenfalls nicht. Ich stornierte folglich am Mittwoch das dienstfreie, lange Wochenende.

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Was bisher geschah

Am Montag wies mich eine katholische Kollegin auf die Kreuzwegandacht im Gotteslob und eine moderne Fassung in der Fastenaktion von Misereor hin. Ich hatte sie danach gefragt, weil ich für Karfreitag zur Todesstunde Jesu einen Kreuzweg von der Kirche über den angrenzenden Friedhof plane.
Hier finden nach wie vor keine Präsenzgottesdienste statt, aber falls in der Heiligen Woche wieder etwas geht, werden wir trotzdem noch auf vieles Rücksicht nehmen müssen. Der Kreuzweg wäre auf jeden Fall an der frischen Luft, ohne ein Behelfs- oder Alternativprogramm zu sein.

Denn das ist die Lehre, die ich aus der Vollbremsung kurz vor Weihnachten gezogen hatte, die sicherlich mit zu dem schlimmsten gehört, das ich bisher in meiner Dienstzeit erlebt habe. Wir waren mit den Vorbereitungen für zwei Outdoor-Christvespern im Wesentlichen fertig und ich hatte da schon den steigenden Druck gespürt, ohne ein Ventil dafür zu finden. Am 11. Dezember hob Laschet endlich die Fahne, am 16. Dezember gab die Landeskirche sehr, sehr spät, aber Gottlob sehr deutlich die Empfehlung, keine Präsenzgottesdienste mehr zu feiern und am 17. Dezember stimmte dem das Presbyterium zu. Derweil hoben wir, angeleitet von einer Kollegin im Pfarrteam, Plan B aus der Taufe, während eine Beerdigung auf die nächste folgte. Dieser Druck, weil man nach bestem Wissen und Gewissen kaum zwei Wochen vor Heiligabend überzeugt ist, keine Weihnachtsgottesdienste mehr anbieten zu können, ohne zu wissen, ob man dafür Rückhalt und alles weitere Erforderliche bekommt, der war schon irre, auch wenn es schließlich glücklich endete:

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Was bisher geschah

Nun hatte ich in der neuen Stadt gerade ein bisschen Fuß gefasst, als ich vor zwei Wochen ins Krankenhaus musste, weil ich bei der Mammographie ab 50 ein Ticket gezogen hatte. Dabei bin ich nur fürs gute Gewissen hingegangen, zähneknirschend; die Einladung zum Screening kam, als ich noch nicht alle Umzugskisten ausgepackt hatte. Und dann war es genau rechtzeitig, um die Geschichte kurz zu machen. 

Das Screening ist unter den Frauen umstritten, nur die Hälfte geht hin. Ich bin jetzt natürlich eines besseren belehrt und sprach auch mit dem Arzt im Krankenhaus darüber: „Es ist wie bei Corona, weil wir mehr testen, finden wir auch mehr. Dadurch nimmt die Sterblichkeit ab, weil wir schneller sind. Wenn Sie viel im Internet unterwegs sind, sagen Sie das den Frauen, damit sie teilnehmen.“ Meinen Befund z.B. konnte man nur durch die Mammographie erkennen; tasten oder bei der Operation mit bloßem Auge sehen konnte man noch nichts. Eine nicht so häufige Vorstufe, von der man nicht weiß, ob und wann sie aufgegangen wäre. Aber Zellen waren da und wurden durch eine Operation entfernt. Am Montag hatte ich das Abschlussgespräch bei meiner Ärztin, erst in einem Jahr soll ich wieder hin. Wobei sie mir anbot, bereits nach der Hälfte der Zeit einen Ultraschall zu machen. Sacken lassen muss ich das Ganze trotzdem noch.

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Was bisher geschah

Auf dem Wohnzimmertisch stehen Blumen, das habe ich mir kurz nach dem Einzug so angewöhnt. Damals besorgte ich drei Pfingstrosen, weil ich nach dem ganzen Umzugsstress etwas Buntes brauchte. Über Google fand ich zu einer Friedhofsgärtnerei in der Nähe mit einer kleinen, feinen Schnittblumenauswahl. Seit dem gehe ich etwa alle drei Wochen dorthin und suche mir ein, zwei Blumen mit etwas grünem Chichi drumrum für meine Tütenvase aus. Das ist so schön, dass ich nicht weiß, ob ich mir das wieder abgewöhnen kann.

Vor allem jetzt, wo es mit draußen auf dem Balkon sitzen für dieses Jahr wohl vorbei ist. Das ist ja auch so ein Ereignis: Mein erster Balkon. Ich bin ganz zufrieden! Wichtig ist mir nach wie vor, dass ich die Wahl habe. Ums Haus herum sind genügend Wiesen, Bäume und Möglichkeiten, sodass ich mich ganz nach draußen setzen könnte, wenn ich wollte. Trotzdem ist der Balkon super. Das liegt daran, dass ich so ein Schisshase bin. Ich mochte die Terrasse am Pfarrhouse gern, doch wenn es im Spätsommer um 21 Uhr dunkel war, saß ich drin. Auf dem Balkon mit seiner leichten Höhe und dem Geländer davor fühle ich mich sicherer und habe bis weit in den Herbst hinein noch spät abends im Dunkeln draußen gesessen.

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