Der Oberstaatsanwalt

In der Kirchengemeinde meiner Heimatstadt gab es einen Oberstaatsanwalt. Er arbeitete am Oberlandesgericht, eine Stunde mit dem Auto entfernt. Alle kannten ihn. Er war groß und stattlich und hatte eine leichte Schnappatmung wie ein Karpfen auf dem Trockenen. Man musste gar nicht gucken, ob er in der Presbyterbank saß, neben dem rechten Seitenportal, wo er nach dem Gottesdienst die Kollekte einsammelte. Man hörte ihn atmen, jeden Sonntag, in den Predigtpausen und der Stille beim Gebet: „Schnapp!“

Nicht nur in der Kirche, in der ganzen Stadt kannte man ihn. Das ist oft so, wenn einer als Akademiker und Presbyter für das Gemeinwohl unterwegs ist. Der Oberstaatsanwalt, Doktor des Rechts, saß außerdem noch im Stadtrat, immer ansprechbar, kümmerte sich, war Kirchmeister, Verwaltung und Finanzen waren sein Metier.

Verheiratet war er nicht, sondern lebte mit seiner alten Mutter, bis sie starb. Mit Kindern hatte er nichts am Hut. Wir mochten ihn trotzdem. Wir fühlten uns von ihm beschützt, er achtete darauf, dass wir zur Kirche und aufs Stadtfest konnten. Der Klingelbeutel war auch für die Jugend da. In einer Kleinstadt irgendwo zwischen tausend Tälern gibt es für Jugendliche nicht allzu viel.

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Wie ich wieder mit Handy bin

Sieben Jahre, vier Monate und fünf Tage bin ich ohne Handy ausgekommen oder wie es heute heißt, ohne Smartphone. Meine ständige Erreichbarkeit endete im Frühling 2011 nach 19 verpassten Anrufen in zwei Stunden, einem Zusammenbruch und diversen Hammerschlägen auf das Display des kleinen, schwarzen LGs mit der Ritschratschoptik, auf das ich doch so stolz war.

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Zwei Jahre dauerte es, bis sich mein Umfeld an mich ohne Handy gewöhnt hatte, weitere zwei, bis ich mich souverän genug fühlte, meine Erfahrungen damit aufzuschreiben und noch einmal gut drei, bis ich es mir wieder anders überlegte.

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Die Apfelernte

Als wir uns kennenlernten, war sofort klar, apfelbdass mit ihm nicht zu spaßen sein würde. Aufgeschossen, dürr, die vielfachen Arme nach oben gestreckt, stand er an der hintersten Ecke des Pfarrhauses, jeden zur Halsstarrigkeit verdammend, der seine Krone betrachten wollte.

Mit der Apfelmamsell im Pfarrgarten hatte er nichts zu schaffen. Diese unterhielt ein Tête-à-Tête mit einem Jelängerjelieber, der soviel kleiner war als sie, dass sie ihn unter ihre Achsel klemmte, während er vor Wollust duftete wie ein Pfingstochse.
Ob der junge Stutzer auf der gegenüberliegenden Seite ein Abkömmling dieser Liaison war, wusste man nicht und der Knabe selbst war noch nicht reif genug, seine Herkunft durch Blüten oder Früchte auszuweisen.

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Meine Highlights auf der re:publica

Weil ich von ihm ein Foto gemacht habe, was ich bei den anderen Vorträgen leider vergaß, fange ich meine Highlights mit Thomas Fischer an, dem Richter am Bundesgerichtshof. Fischer trug über „Strafrecht, Wahrheit und Kommunikation“ vor. Er erläuterte, warum lückenloses Strafrecht totalitär ist und dass die Reform des Sexualstrafrechts mittlerweile die „sechste oder siebte“ seit 1997 sei; die jeweils vorherige wäre „kaum in den Kommentaren angekommen“.
Wenn ich an das Gezerre denke, bis Vergewaltigung in der Ehe endlich strafbar wurde, wundert mich das nicht. Dass die Anwendung vorhandener Gesetze in der Kölner Silvesternacht in allen mutmaßlichen Fällen genügt hätte, wie Fischer sagte, wenn denn genügend Polizei vor Ort gewesen wäre, finde ich hingegen ziemlich einleuchtend.

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Das stARTcamp im Dortmunder U

Ich habe letztes Wochenende das stARTcamp Ruhr York im Dortmunder U besucht, das dort faktisch auf drei Stockwerken lief. Los ging es am Samstag, dem Tag des Bieres, in der sechsten Etage: Ein Bootcamp, inklusive Einführung ins Bierbrauen, inmitten der Ausstellung Neugold.

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Das klingt spannend bis chaotisch und anfänglich war es das auch. Denn es sind mehr Leute zum Bootcamp gekommen als erwartet und die Ausstellung war ebenfalls proppevoll. Akustisch ging da nichts mehr, es gab zudem kein Mikro. So habe ich von den Vorträgen nichts mitbekommen, von der Ausstellung auch nicht, war aber trotzdem die ganze Zeit reizüberflutet. Das lag auch daran, dass die Begrüßung ziemlich weitschweifig war, was es mir zusätzlich schwer gemacht hat, den Einstieg, die Getränke, das Treppenhaus, das Klo zu finden. Hier wären ein paar klare Ansagen besser gewesen.

Andererseits war es das schon an Kritikpunkten. Nachdem die Vorträge rum waren, wurde es nämlich richtig klasse.

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Radio Zeit in Köln

Im Museum für Angewandte Kunst in Köln (MAKK) läuft gerade die Ausstellung „Radio Zeit. Röhrengeräte, Design-Ikonen, Internetradios“ und ich wäre nicht die Tochter meines seligen Vaters, wenn ich da nicht hingefahren wäre.

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Auf zwei Etagen sind Radiogeräte zu sehen, die seit Mitte der zwanziger Jahre bis heute genutzt werden.
Die designerischen Schwerpunkte der einzelnen Epochen wurden herausgearbeitet und stehen im Gegensatz zur Technik im Vordergrund.

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