Was bisher geschah

Auf dem Wohnzimmertisch stehen Blumen, das habe ich mir kurz nach dem Einzug so angewöhnt. Damals besorgte ich drei Pfingstrosen, weil ich nach dem ganzen Umzugsstress etwas Buntes brauchte. Über Google fand ich zu einer Friedhofsgärtnerei in der Nähe mit einer kleinen, feinen Schnittblumenauswahl. Seit dem gehe ich etwa alle drei Wochen dorthin und suche mir ein, zwei Blumen mit etwas grünem Chichi drumrum für meine Tütenvase aus. Das ist so schön, dass ich nicht weiß, ob ich mir das wieder abgewöhnen kann.

Vor allem jetzt, wo es mit draußen auf dem Balkon sitzen für dieses Jahr wohl vorbei ist. Das ist ja auch so ein Ereignis: Mein erster Balkon. Ich bin ganz zufrieden! Wichtig ist mir nach wie vor, dass ich die Wahl habe. Ums Haus herum sind genügend Wiesen, Bäume und Möglichkeiten, sodass ich mich ganz nach draußen setzen könnte, wenn ich wollte. Trotzdem ist der Balkon super. Das liegt daran, dass ich so ein Schisshase bin. Ich mochte die Terrasse am Pfarrhouse gern, doch wenn es im Spätsommer um 21 Uhr dunkel war, saß ich drin. Auf dem Balkon mit seiner leichten Höhe und dem Geländer davor fühle ich mich sicherer und habe bis weit in den Herbst hinein noch spät abends im Dunkeln draußen gesessen.

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Was bisher geschah

Fast vier Monate wohne ich jetzt schon in der neuen Stadt und die erste Phase der Eingewöhnung liegt hinter mir. Anfangs fühlte ich mich völlig reizüberflutet. Das lag nicht nur daran, dass alles neu war, wie das eben so ist nach einem Umzug, sondern dass ich zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder in einer richtigen Großstadt lebe. Von der Einwohnerzahl her etwa so groß wie Bochum, von der Fläche sogar größer als Frankfurt a.M.

Obwohl ich Rasen an Rasen an einem kleinen Park mit einer Schwanenfamilie als Nachbarn wohne, mit ausreichend Bäumen vor der Tür und Landschaft direkt um die Ecke, waren es zu Anfang doch recht viele Leute, Leute, Autos, Häuser, Häuser, Häuser, Leute, Leute, noch mehr Leute, Autos, Autos und dauernd Hunde an der Leine.

Mittlerweile habe ich mich da herein gefunden, fahre in die Gemeinde lieber den Weg über Land, statt durch das Industriegebiet und weiß den italienischen und asiatischen Supermarkt sowie jedwedes andere Geschäft in relativer Nähe zu schätzen. Weiterlesen

Honig im Garten

Sie saß auf dem Beifahrersitz und trug ein smaragdgrünes Sommerkleid. IMG_4328Wenn der Verkehr es zuließ, schaute ich heimlich zu ihr herüber. Sie hatte etwas Weiches, Entspanntes.
Wir kannten uns von Twitter. Dies war unser erstes Treffen und ich hatte fest vor, sie zu mögen.
Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, sah sie mich an: „Mein Synagogenschlüssel ist eine Enttäuschung, nicht wahr, aber wenigstens mache ich etwas mit Finanzen.“ „Synagogenschlüssel, Finanzen?“ „Mein Synagogenschlüssel“, wiederholte sie und zeigte auf ihre Stupsnase. „Viel zu klein für eine Jüdin. Aber wenigstens mache ich etwas mit Finanzen, da passt es dann wieder.“

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Der Oberstaatsanwalt

In der Kirchengemeinde meiner Heimatstadt gab es einen Oberstaatsanwalt. Er arbeitete am Oberlandesgericht, eine Stunde mit dem Auto entfernt. Alle kannten ihn. Er war groß und stattlich und hatte eine leichte Schnappatmung wie ein Karpfen auf dem Trockenen. Man musste gar nicht gucken, ob er in der Presbyterbank saß, neben dem rechten Seitenportal, wo er nach dem Gottesdienst die Kollekte einsammelte. Man hörte ihn atmen, jeden Sonntag, in den Predigtpausen und der Stille beim Gebet: „Schnapp!“

Nicht nur in der Kirche, in der ganzen Stadt kannte man ihn. Das ist oft so, wenn einer als Akademiker und Presbyter für das Gemeinwohl unterwegs ist. Der Oberstaatsanwalt, Doktor des Rechts, saß außerdem noch im Stadtrat, immer ansprechbar, kümmerte sich, war Kirchmeister, Verwaltung und Finanzen waren sein Metier.

Verheiratet war er nicht, sondern lebte mit seiner alten Mutter, bis sie starb. Mit Kindern hatte er nichts am Hut. Wir mochten ihn trotzdem. Wir fühlten uns von ihm beschützt, er achtete darauf, dass wir zur Kirche und aufs Stadtfest konnten. Der Klingelbeutel war auch für die Jugend da. In einer Kleinstadt irgendwo zwischen tausend Tälern gibt es für Jugendliche nicht allzu viel.

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Wie ich wieder mit Handy bin

Sieben Jahre, vier Monate und fünf Tage bin ich ohne Handy ausgekommen oder wie es heute heißt, ohne Smartphone. Meine ständige Erreichbarkeit endete im Frühling 2011 nach 19 verpassten Anrufen in zwei Stunden, einem Zusammenbruch und diversen Hammerschlägen auf das Display des kleinen, schwarzen LGs mit der Ritschratschoptik, auf das ich doch so stolz war.

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Zwei Jahre dauerte es, bis sich mein Umfeld an mich ohne Handy gewöhnt hatte, weitere zwei, bis ich mich souverän genug fühlte, meine Erfahrungen damit aufzuschreiben und noch einmal gut drei, bis ich es mir wieder anders überlegte.

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Die Apfelernte

Als wir uns kennenlernten, war sofort klar, apfelbdass mit ihm nicht zu spaßen sein würde. Aufgeschossen, dürr, die vielfachen Arme nach oben gestreckt, stand er an der hintersten Ecke des Pfarrhauses, jeden zur Halsstarrigkeit verdammend, der seine Krone betrachten wollte.

Mit der Apfelmamsell im Pfarrgarten hatte er nichts zu schaffen. Diese unterhielt ein Tête-à-Tête mit einem Jelängerjelieber, der soviel kleiner war als sie, dass sie ihn unter ihre Achsel klemmte, während er vor Wollust duftete wie ein Pfingstochse.
Ob der junge Stutzer auf der gegenüberliegenden Seite ein Abkömmling dieser Liaison war, wusste man nicht und der Knabe selbst war noch nicht reif genug, seine Herkunft durch Blüten oder Früchte auszuweisen.

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