
Elaine Rudolphi (@cathsocmedia) und ich hatten uns ewig nicht gesehen. Schnell waren wir uns einig, dass das an dem durch Elon Musk verschrotteten Twitter lag. Selbst wenn man sich nicht folgte, kam man durch Retweets und Threads immer mal wieder aneinander vorbei. Heute lautet die Frage statt dessen: „Wo bist du denn jetzt?“ Als Antwort gibt es eine Auswahl. Bei Rudolphi waren das Mastodon und Instagram. Ich entschied mich für Mastodon und folgte ihr, ohne zu zögern. Sicher ist sicher.
Dieses Jahr waren beim BarCamp Kirche Online West in Bonn etwa 45 Teilgeber:innen dabei, ziemlich ausgewogen zwischen Frauen und Männern. Alle befassten sich haupt- oder ehrenamtlich mit online Dingen. Einige als Pfarrer:innen oder Gemeindeglieder, mehrere aus der Öffentlichkeitsarbeit in Kirchenkreisen, Rundfunk und Einrichtungen. Elaine Rudolphi war die einzige Katholikin. Man merkt sofort, wenn eine Person mitdiskutiert, die nicht in derselben Suppe schwimmt. Das habe ich direkt hinterher gefeedbackt und mir mehr davon gewünscht.
Wir verbrachten den Samstag von vormittags bis nachmittags mit 13 Sessions. Es ging viel um KI und ihren praktischen Nutzen; um digitale Angebote nach Corona und schließlich um operative Themen. Das spiegelte sich auch in meiner eigenen Auswahl wider:
Online-Gottesdienste „nach Corona“
Das Thema Online-Gottesdienste nach Corona ist „vielerorts (fast) in Vergessenheit geraten“. Ob zu recht, hat Prof. Dr. Holger Sievert genauer untersucht. Zusammen mit Pfarrer Ralf Peter Reimann (Foto, links) stellte er (rechts) Ergebnisse aus der Durchsicht zweier Studien vor (DiRK und ReTeOG). Auch nach der Hochphase der Pandemie, „wenn Präsenz-Veranstaltungen in vollem Umfang wieder möglich sind“, wünschen sich 57 % der Protestant:innen und 52,2 % der Katholik:innen weiterhin Online-Gottesdienste. Dabei hatten viele diese Möglichkeit zunächst nur als Notlösung betrachtet. Im Jahr 2021 umfassten „Skeptiker“, „Pragmatiker“ und „Enthusiasten“ im Gesamtschnitt jeweils ein Drittel. Neue Daten werden Anfang 2026 erhoben. Bemerkenswert ist aber, dass sich 2023 dennoch fast alle Altersgruppen mehrheitlich eine Fortführung oder Wiedereinführung von Online-Gottesdiensten wünschten. Statt der technisch viel besser ausgestatteten Fernseh- und Radiogottesdienste bevorzugten die an digitalen Angeboten Interessierten die Übertragung aus der eigenen Kirche oder Region.
Die anschließende Diskussion zeigte, dass digitale Veranstaltungen trotzdem von den meisten Gemeinden nicht weiter vorgehalten werden. Weder bilden sie Online-Gottesdienste als Teil der Gemeindearbeit konzeptionell und im Zeitaufwand ab noch werden herkömmliche Feiern wenigstens mitgestreamt. Dass das nicht daher kommt, dass die Pfarrer:innen keine Zeit oder Lust haben, daran musste man die teilgebenden Ehrenamtlichen erst wieder erinnern. Die evangelische Kirche ist mit dem presbyterial-synodalen System demokratisch verfasst. In den Gemeinden entscheidet ein gewähltes Presbyterium, ob es sich mit digitalen Veranstaltungen beschäftigt und was es statt dessen lässt, wenn Zeit und Kraft nicht für alles reichen.
Gottesdienst und KI
Weiter ging es bei Pfarrer Max Niessner in einem Slot über KI und Gottesdienst. Selbst macht er es so, dass er sich bei einer herkömmlichen KI eine Vorlage erstellt und mit seinen Andachten, Gottesdiensten, Abläufen und Agenden gefüttert hat. Nun spuckt sie ihm je nach Thema ein passendes Format aus. Das Ergebnis sei „erschreckend gut“, so Niessner. „Sogar mein Stil in den Radioandachten ist genau getroffen. Ich muss höchstens ein oder zwei Sätze ändern.“
Das Füttern der KI mit Daten durch den Anbieter heißt im Fachjargon trainieren und das Eingeben der eigenen Wünsche und Kriterien in das Suchfeld nennt man prompten. Bisher sind KIs überwiegend mit evangelikalen und katholischen Inhalten trainiert, bringen diese also von sich aus mit. In Deutschland liegt das auch daran, dass die Agenden von VELKD und UEK urheberrechtlich geschützt und derzeit nicht frei im Internet verfügbar sind. Darum nehmen sie an diesem Prozess nicht teil. In der Masse der weltweiten Daten mag das kaum auffallen. Wenn man sich daraus und aus eigenem Material selbst eine Vorlage stricken möchte (was fälschlicherweise ebenfalls jede:r trainieren nennt), ist es aber hinderlich. Das gilt nicht nur für kleine Projekte, wie den Gottesdienst-Baukasten, den Niessner sich zusammengestellt hat. Die Agenden der Pfälzer Landeskirche, die er dafür brauchte, sind dort glücklicherweise im Intranet verfügbar. Auch für große Datenbanken, die Kirchen und Werke zukünftig für verschiedene Fachgebiete konstruieren könnten, müssten die benötigten Inhalte zugänglich sein. Dieser je nach Thema in der KI vorhandene Content gemischt mit eigenen Daten heißt im Fachbegriff RAG: Retrieval Augmented Generation.
So oder so wird deutlich, dass künftig mindestens Teile, wenn nicht der ganze Gottesdienst samt Predigt, durch KI gestaltet werden. Oder sie liest die selbst erstellten Texte Korrektur, vielleicht weil man die Zielgruppe nicht so gut kennt (Sensitivity Reading). Die Liturg:in übernimmt anschließend nur noch den Feinschliff. Zeitersparnis war das Wort, das ich in Sessions und zwischendurch auf den Fluren dazu am häufigsten hörte. Ich finde das nicht schlimm. Irgendwoher muss das Material für Gottesdienste ja kommen. Schon immer, also über die Jahrhunderte, haben sich die Medien dem angepasst. Niessner sieht das ähnlich: „Jedes Werkzeug, das entwickelt wurde, wird auch benutzt.“ Doch ob das verhältnismäßig ist, wird künftig nicht mehr nur am pfarramtlichen Schreibtisch entschieden, sondern wiederum in Presbyterien und Synoden: In ihrer Offenheit für Innovation bei gleichzeitiger Bereitschaft, genügend Arbeitskraft und Zeit für analoges Arbeiten zur Verfügung zu stellen. Denn darauf wies Niessner ebenfalls hin: „Würde man nur noch KI nutzen, würde man immer dümmer, weil man selbst nichts mehr machen muss. KI kann auch ein Flaschenhals sein. Es liegt an uns, sie so zu verwenden, dass das Ziel die Steigerung von Qualität ist, um Menschen besser zu erreichen.“ Wobei man sein Theologiestudium im Moment auch dafür braucht, zu erkennen, wann einem die KI Unsinn erzählt. Bisher scheitert sie oft genug schon beim richtigen Zitieren von Bibelstellen. Doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie auch das drauf hat.
KI zur SEO-Optimierung
Als hauptsächliches Arbeitsinstrument war KI in der nächsten Session ebenfalls dabei. Sie wurde von Jane Doe angeboten, die gerne anonym bleiben möchte. Doe erläuterte, wie man künstliche Intelligenz zur SEO-Optimierung einer Website nutzen kann. Die Methoden, die sie vorstellte, waren erstaunlich einfach: Erst sucht man seine Website bei Google und guckt sich an, wie sie dort präsentiert wird. Die Kurzbeschreibung unter der dicken Überschrift, mit der Google den Fund markiert, lässt sich je nach CMS und bei Bedarf unter „Tags“ ändern. Damit fängt es an. Als nächstes nimmt man eine KI seiner Wahl und promptet die Internet-Adresse (URL) der Website und dass sie anhand von ein bis zwei Keywords analysiert werden soll, z.B. Gottesdienste und Stadtteil. Mit dem, was dann an Ergebnissen und Anregungen herauskommt, erhält man als einfache Arbeiterin im Weinberg des Herrn genug Hinweise, um seine Seite aufzurüschen. Das war nämlich der dritte Lerneffekt dieses Slots: Dass man mit wenigen Methoden bereits eine Menge erreichen kann. Mehr geht bei Profis und mit genügend Geld immer, aber das wussten wir ja schon.
Reels und Posts auf Instagram
Die letzte Session, bei der ich war, wurde von Mediendesignerin Verena Häuser, Öffentlichkeitsreferentin im Ev. Kirchenkreis An Nahe und Glan, angeboten. Sie zeigte, wie man Posts und Reels vor allem auf Instagram optimieren kann. Tool der Wahl beim Erstellen und Bearbeiten ist Canva, das sich in der Kirche ebenso wie Instagram mittlerweile durchgesetzt hat. Wichtig ist, den jeweiligen Post oder das Reel bündig und strukturiert zu gestalten. Es gilt, einen Fokus zu schaffen, der den Inhalt knackig präsentiert. Davon soll nichts ablenken, sondern Hintergrundfarbe, Stimme oder Bling Bling sollen die Aussage unterstützen. Weniger ist mehr. Was Jane Doe für Websites und ihre Menupunkte im Großen hervorhob, galt bei Häuser für Reels und Bildaufbau im Kleinen: Fokus und Struktur. Drei Sekunden hat man, bevor die User:in über ihre Aufmerksamkeit neu entscheidet und womöglich weiterscrollt.
Apps und WordPress
Leider konnte ich nicht an allen Sessions teilnehmen. Bei zweien fand ich das besonders schade: Die Eine ging der Frage nach, ob es bei der eingangs genannten Fraktionierung im Internet, wo jede:r woanders steckt, nicht hilfreich sein könnte, Apps für Gemeinden zu entwickeln. In der Anderen stellte Ralf Peter Reimann WordPress als CMS für den rheinischen Homepage-Baukasten vor. Erweitert um einige Add ons nutzt die rheinische Landeskirche WordPress schon seit mehreren Jahren. Wie die App war das Wasser auf meinen Mühlen. Typo 3 eignet sich meiner Meinung nach für große Webseiten, ab Kirchenkreis aufwärts. Für kleinere Formate, auf Gemeindeebene oder beim Bloggen, ist es zu komplex. Aufgrund der vielen Möglichkeiten, die es eröffnet, ist es dadurch zu wenig anschlussfähig, wenn man eine Struktur nicht von Anfang an mitgestaltet hat. Nicht zuletzt ist WordPress schlichtweg bekannter. Die Zuständigen, so Reimann, bringen mehr Vorerfahrungen mit.
Finally
Insgesamt ist es ein richtig schönes BarCamp gewesen! Die Räumlichkeiten im Haus der Evangelischen Kirche in Bonn sind ideal. Geographisch liegt es etwa auf der Mitte zwischen Bielefeld und Saarland. Vorstellungsrunde mit drei Hashtags, Social Wall, gemeinsames Grid, sogar eine Buchverlosung – alles war dabei. Das Essen schmeckte superlecker und wurde durchdacht angerichtet: Es gab kaltes und warmes Buffet zu Mittag und am Nachmittag Kuchen, abgesehen von einem Kräuterquark und einem Zitronenjoghurt komplett vegan. Vor jeder Schüssel oder Platte klebte ein Ampelsystem mit Zutatenliste und farblich unterlegten Hinweisen, auch für Unverträglichkeiten, z.B. vegan (grün) und mit Nüssen (rot). Wie im letzten Jahr blieb wieder reichlich übrig. Doch als wir dieses Mal zur Kaffeezeit aus den Sessions kamen, standen die Reste schon fertig verpackt zum Mitnehmen bereit. Ganz ohne KI sieht man auch daran, wie Kirche jetzt und in Zukunft funktioniert: Man muss es einfach machen.
Einen Rückblick auf das BarCamp gibt es hier.
Das nächste #bckirche West findet statt am 26. September 2026 in Bonn.
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