Politik zum Hinhören

Als Liberale im Internet nehme ich Politik oft wie in der Diaspora wahr: Die digitale Kirche und die Bubbles drumherum sind linksgrün und statt dass wie früher ein breites Meinungsspektrum in meiner über Jahre sorgfältig kuratierten Twitter-Timeline durcheinanderschwirrt, befinde ich mich auf Bluesky in einem nahezu völlig und auf Mastodon absolut linksgrünen Umfeld. Die Liberalen und Konservativen hingegen sind trotz der bekannten Schwierigkeiten überwiegend auf X geblieben.

Titelbild des Hörbuchs von Wolfgang Schäuble mit einem Porträtfoto von ihm.
© der Hörverlag

Die Woche nach der Europawahl las ich darum meistens dort mit. Ich konnte die Larmoyanz auf den anderen beiden Plattformen nicht ertragen. Dass man die Grünen zu den eigentlichen Wahlsiegern erklärte – den Unwissenden fehlte nur die richtige Referenzgröße – fand ich noch putzig. Aber als ein Repost vorbeikam, dass die CDU im Gegensatz zu den Blauroten das viel schlimmere Problem wäre, dachte ich, mein Schwein pfeift. Nun wähle ich die Union nicht, schon seit Ewigkeiten nicht mehr, aber ich käme nicht auf die Idee, sie aus dem demokratischen Spektrum herauszusortieren. Im Gegenteil bin ich froh, dass sie noch einigermaßen Zugang zu Leuten findet, die für andere Parteien längst verloren sind.

Passend dazu, wenn auch terminlich unbeabsichtigt, hörte ich mir in den letzten Wochen die kürzlich posthum erschienene Autobiographie Wolfgang Schäubles an: „Erinnerungen. Mein Leben in der Politik“, gelesen von Frank Arnold. Ich möchte darum gar nicht groß mit meinen eigenen zweieinhalb Weisheiten argumentieren, sondern statt dessen Schäubles Buch bzw. sein Hörbuch empfehlen. Dieses lange, politische Leben und damit die Geschichte der Bundesrepublik von ihm geschildert nachzuverfolgen, ist super faszinierend und lehrreich. Ja, man ist nicht immer seiner Meinung (mal mehr, mal weniger) und natürlich möchte er sich insgesamt zu seinem Vorteil darstellen. Aber das ist so normal, dass es eigentlich nicht erwähnenswert ist. Überrascht hat mich die Warmherzigkeit, die immer wieder während seines Erzählens durchschimmert und nicht zuletzt ist es auch ein unaufdringliches und gerade deswegen großes evangelisches Glaubenszeugnis.

Gegen Ende seines Buches kam Schäuble auf Robin Alexanders „Machtverfall. Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik. Ein Report“ zu sprechen. Mir war darin bei seinem Erscheinen vor drei Jahren zuviel Heckmeck, wer was wann um welche Ecken während Corona ausgehandelt hat. Aber wie sich entschied, ob Laschet oder Söder Kanzlerkandidat wurde, höre ich mir doch noch einmal an.

Außerdem fand ich den Podcast „Hotel Matze“, wo Friedrich Merz von Matze Hielscher interviewt wurde. Anschließend stellte Hielscher verblüfft fest, dass sein Eindruck von Friedrich Merz nach dem Gespräch gar nicht mit dem Bild zusammenpasste, das er sich in „Polit-Talkshows“ von ihm gemacht hatte. Genau deswegen empfehle ich Schäubles Buch und dieses Interview. Es geht nicht darum, konservativ zu werden oder in allem einer Meinung zu sein. Aber wer wirklich der Feind ist und wer nicht, sollte man schon herausfinden und wenn es an einer Stelle gar nicht passt, nachsehen, was trotzdem miteinander geht. Schließlich endete auch dieser Podcast mit einem Bekenntnis: Bei Friedrich Merz ist es katholisch.

Die Neigungsgruppe abseitiger Humor sei zum Schluss auf die Rede Robert Willackers bei den traditionell linksgrünen Wiener Festwochen verwiesen. Man hat ihn wohl eingeladen, um die politisch andere Perspektive zu hören, was bei jemandem, der für die österreichischen Blauen gearbeitet hat, mutig ist. Ich musste darum sehr tief atmen; mehrfach Frau Ke mit ihrer Brezel im Bild zu sehen, hat es nicht besser gemacht. Hier komme ich an meine Grenzen und habe trotzdem Tränen gelacht.


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