
Am 24. August fand das BarCamp Kirche Online West in Bonn im Haus der Kirche statt. Wer wollte, konnte schon am Vorabend zum Meet and Greet ins John Barleycorn kommen. Ich war dafür zu müde und ging lieber früh ins Bett, um am nächsten Morgen startklar für die Ereignisse des Tages zu sein.
Das Haus der Kirche liegt direkt am Rhein, mit zauberhaftem Blick (1) auf das Siebengebirge und den Drachenfels. Als Westfälin hätte ich da gleich ein paar Fragen zur Finanzwirtschaft und dem großzügigen Verkauf von Gemeindegrundstücken gehabt. Aber deswegen war ich nicht nach Bonn gereist. Ich wollte aufs BarCamp und zumindest eine kurze Zeit den Flair der Stadt genießen, in der ich studiert hatte, bis Frau K. geboren wurde.
Der Weg von der Straße bis hinunter zu unserer Veranstaltungsetage war ausgeschildert (5). Dort angekommen, erhielten wir das obligatorische BarCamp-T-Shirt und Pfarrer Ralf Peter Reimann (@ralpe), einer der Veranstalter, und ich ließen uns darin gleich miteinander fotografieren (2).
Kurz darauf ging es auch schon los. Ich zählte elf Frauen und 14 Männer, daraus zwölf Sessions, nur zwei davon wurden von Frauen angeboten. Auch im Vergleich zu früheren Jahren hat sich die Atmosphäre auf dem BarCamp verändert: Die Jugend ist nicht mehr da, die Social Media Szene nicht und die Leute aus den Gemeinden auch nicht. Übrig blieben Hauptamtliche aus unterschiedlichen Diensten, vielleicht waren auch ein paar Gemeindepfarrer dabei, ich weiß es nicht. Vom Alter her waren fast alle zwischen etwa 50 Jahren und über 60 Jahren. Eine junge Frau, die ich fragte, verriet mir ihre 26 Jahre und dass ihr der große Altersunterschied zu den anderen Teilgeber:innen auch schon aufgefallen war. Der junge Mann am Empfang zählte 28 Lenze und beeilte sich dazuzusagen, dass er dienstlich als Assistent dabei wäre. Er nahm auch nicht an den Sessions teil.
Das Grid füllte sich schnell. Am Beginn standen zwei Referenten, die Ralf Peter mit glücklicher Hand zum Thema KI bzw. AI eingeladen hatte. Thematisch waren wir rundherum am Puls der Zeit.
Als erster Referent und Keynote Speaker trug Dr. Christoph Schmidt vom Fraunhofer-Institut (3) vor. Er gab eine allgemeine Einführung in KI, was sie schon kann und vielleicht in drei Jahren können wird. Recherche zur Predigtvorbereitung, Sparringspartnerin für seelsorgliche Rollenspiele und Bildungsangebote für alle Generationen nannte er als Bereiche, die der Kirche nützlich sein könnten. Für die Gesamtgesellschaft verwies er auf die Unterstützung bei bürokratischen Abläufen und die Kontrolle von Lieferketten als Einsatzbeispiele. Mir waren seine Schilderungen zu optimistisch gehalten. Denn die möglichen Nachteile und Gefahren von solchermaßen geplanter Wirtschaft, Lebensgestaltungs- und Handelskontrolle wurden von ihm nicht benannt, aller guten Absichten wie der Vermeidung von Kinderarbeit und Palmöl zum Trotz. Zumindest wies Schmidt darauf hin, dass die KI nur die Ethik betreiben kann, mit der sie bewusst oder unbewusst gefüttert wurde. Aber wer dieses Material nach welchen Maßstäben und mit welchen politischen oder theologischen Anliegen zusammenstellt, muss meiner Meinung nach ebenfalls betrachtet werden.
Prof. Dr. Holger Sievert von der Hochschule Macromedia (4) tauchte anschließend durch seine Studie „Digitalisierung im Raum der Kirchen (DiRK 2023)“ weiter ins Praktische ein. Die meisten Leute, die sich in der Kirche mit Internet und KI beschäftigten, wären männlich und 50 Jahre bis 60 Jahre alt, „die mit KI einen Tacken jünger“, ergänzte er, also etwa ab 40 Jahren. Der aktuelle Nachwuchs für Pfarramt und IPT kümmerte sich kaum ums Web. „Wer Pfarrer werden will und sich für Kirche interessiert, macht nichts mit Internet“, fuhr Sievert fort. Das ist eine Erfahrung, die ich in meinen beiden Dienstbereichen ebenfalls mehrfach gemacht habe. Es lag also nicht an mir und eingebildet habe ich mir das auch nicht. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass „KI nicht mehr weggeht“. Das gab uns Sievert außerdem mit auf den Weg. Den Wechsel von der Fließbandarbeit zu Robotern hätte man damals aber auch geschafft. Die Kirche hinke den Entwicklungen in der freien Wirtschaft allerdings um zehn bis 15 Jahre hinterher.
Zum Mittagessen gab es ein Büfett (6) mit Salaten, Lasagne sowie Geschnetzeltem und dazu Tischgespräche. Als Westfälin wurde ich in vorauseilendem Mitleid auf Cumulus angesprochen. Meinerseits berichtete ich, wie sehr mir meine Leute auf dem BarCamp fehlten, was zur Frage einer Teilgeberin führte, wo sie dann alle wären? So recht wusste ich es auch nicht. Waren wir wirklich nur ein „nerdiges Randphänomen“, wie Sievert in seiner Keynote meinte? Diese Einschätzung passt zur kirchlichen Struktur und ihrem Beharrungsvermögen. Andererseits haben wir in unserer Nische eine Menge hervorgebracht. Meine Gedanken gehen nicht nur zu zehn Jahren Twomplet. Auch Pastor Sandys „Gurkentruppe“ auf dem Kirchentag 2019 und die Eule haben ihre Anfänge am nerdigen Rand der Kirche genommen. Ich kaue noch am Begriff und hoffe auf weitere Erkenntnisse.
Dann ging es mit Instagram weiter. Das war die nächste Session, die ich nach dem Mittagessen besuchte. Eine Teilgeberin brauchte Auftrieb für ihren Instagram-Account: Mehr Views, mehr Kund:innen, mehr Spenden. Wir sahen uns das gute Stück gemeinsam an und dann ging es voran. Sieben Leute und wir kamen in den Flow. Wie sagte eine Frau: „Es ging nur noch bäm, bäm, bäm“ und machte unglaublich Spaß. Wir klebten eine Flipchart (7) mit ungefähr 30 Karten voll. Auf allen standen Ideen, Hinweise, Lösungen. BarCamp wie früher, irgendwo schlummerte es doch noch.
Anschließend ging ich zurück in den großen Saal, wo Ralf Peter (8) in einem Slot einen Sneak Preview auf eine neue Website gab, an der er zusammen mit einigen Leuten zurzeit arbeitet. Auch Holger Sievert war in der konzeptionellen Phase daran beteiligt. Auf der Site sollen die Fragen der kirchenfernen Leute beantwortet werden, aber nicht wie sich Kirche dieses Q&A vorstellt und gerne hätte, sondern so wie sich Fragen und Suchen in der Auswertung landeskirchlicher SEO (EKiR) zeigen. Dieser Zugang ist weniger selbstverständlich, als er klingt. Denn Kirche ist in ihren Sitten und Gebräuchen sehr viel weniger offen, als sie gerne hätte, was auch ein Leitungsproblem ist. Ich freue mich auf den Launch; bis dahin sollen wir mit konkreteren Hinweisen warten.
Doch so spannend auch diese Session war, zu Ende gehört habe ich sie nicht. Den ganzen Vormittag schon sah ich auf der App der Deutschen Bahn, dass nahezu die Hälfte aller Züge ausfiel. Ich hätte ohnehin eher gehen müssen, denn ich wollte den #DiätKater nicht zu lange allein lassen, da die Katzendame ausgebucht war. Doch als meine Verbindung schließlich auch gestrichen wurde (9), machte ich mich lieber sofort auf. Tatsächlich brauchte ich sechs Stunden, eine Straßenbahn, fünf Züge, einen Schienenersatzverkehr und mein eigenes Auto, bis ich endlich zu Hause ankam. Gar gekocht stieg ich unter die Dusche und danach sofort ins Bett. Der Absacker, den ich mir vor der Reise im Kühlschrank kalt gestellt hatte, wartet dort immer noch. Dem #bckirche aber danke ich herzlich für den bereichernden Tag!
Die Präsentation sowie alle anderen freigegebenen Materialien aus den Sessions finden sich hier.
Entdecke mehr von Pressepfarrerin
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.