Gedanken zum Jahresende

Einfach mal wegen diesem Foto fünf Minuten heulen. (c @liberation.fr)

ana_nym (@ananym.bsky.social) 2024-12-20T12:09:17.748Z

Während ich im Krankenhaus lag, hat Frau K. hier eine Nacht wegen des #DiätKaters eingehütet, weil die Katzendame schon im Urlaub war. Da ich über kein Kabelfernsehen mehr verfüge und mein Fernseher fürs Spiegeln zu alt ist, bot ich zum abendlichen Zeitvertreib meine DVDs an oder wahlweise einen Film bei Prime auszuleihen.

Frau K. hatte weder Lust auf das Eine noch das Andere und guckte statt dessen einen Krimi im Zweiten. Beginn um 20:15 Uhr, so wie der Herr es bei der Erschaffung von ARD und ZDF angeordnet hat. Sie hat mir noch drei Tage später von diesem für sie völlig anachronistischem Ereignis erzählt, dabei ist sie schon 32 Jahre alt. Auch das ist für mich ein Grund, die Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu überdenken. Stellenwert und Ausstattung stimmen einfach nicht mehr mit den heutigen Mediengewohnheiten überein. Und da habe ich von einseitigem Journalismus (der dann eigentlich keiner mehr ist) wie Habeck und Lindner bei Miosga oder dem Brennpunkt zu Syrien am 10. Dezember noch gar nicht angefangen. Bei den Tagesthemen war vor zwei Wochen in einem Kommentar, also dem bewussten Ort für Meinung, durch Thomas Berbner auch einmal die andere Seite zu hören. Das kam für einige wohl recht unerwartet. Man glaubt nicht, was anschließend im Internet los war.

Der Kanzler hat die Vertrauensfrage gestellt und dabei so sehr mit dem Finger auf die FDP gezeigt, dass ich mittlerweile überzeugt bin, dass ihm die fachlichen und menschlichen Voraussetzungen fehlten, diese Dreierkonstellation zusammenzuhalten. Armin Laschet sagte es schon im November am Round Table ähnlich. Friedrich Merz schloss sich dem kürzlich im gleichen Podcast an. Das gehört mit zu den größten Sorgen, die mir das Scheitern der Ampel bereitet: Statt Koalitionen zu dritt den dringend benötigten Weg zu ebnen, hat sie die Route erschwert. Außerdem frage ich mich, wie es künftig mit Digitalisierung und Bürgerrechten weitergeht, also der progressiven Seite der Gesellschaft. Wie lange die Union zusammen mit der SPD die Ehe für alle ausgesessen hat und wie Merkel das Internet im Jahr 2013 immer noch als „Neuland“ deklarierte, ist mir bis heute in Erinnerung. Dass Merz mittlerweile dazugelernt hat, hilft mit Blick auf die ganze CDU nur wenig.

Scholz jedenfalls hat einen Platz in meiner Top 5 der Politiker gewonnen, über die ich mich bisher am meisten geärgert habe. Als ich meinen entsprechenden Unmut auf Bluesky während der Übertragung der Debatten zur Vertrauensfrage postete, vergriff ich mich allerdings selbst im Ton. Ich hatte, so meinte ich, trotz meines Ärgers etwas Niedliches zum Schimpfen ausgesucht, das mich an kleine Zwerge wie Karius und Baktus erinnerte. Erst auf deutlichen Hinweis erkannte ich, dass man das auch ganz anders verstehen konnte. Also räumte ich den Fehler ein und löschte den Post. Glücklicherweise passiert mir das sonst nicht, entsprechend wurden keine alten Sünden ausgegraben. Einen Screenshot meines gelöschten Lapsus und einen weiteren Post, in dem das Zitat rügend repetiert und der Adressierte im Gegensatz zu meiner Einlassung mit Namen genannt wurde, gab es auf Bluesky gleichwohl. Dort wurde ich außerdem in einer „wahnhaften Parallelrealiät“ verortet, was mich schon fast wieder erheiterte. Zu meiner Buße und zugegeben auch, weil ich es ohnehin in der Auswahl hatte, hier ein sehr schönes Interview von Alev Doğan auf The Pioneer mit Ricarda Lang.

In Darmstadt bot ein „Antikolonialer Weihnachtsmarkt“ in einer evangelischen Kirchengemeinde antisemitische und Terrorismus befürwortende Produkte feil. Der für die Gemeinde zuständige Pfarrer wurde vorläufig suspendiert. Ob ihm tatsächlich etwas vorzuwerfen ist (evangelische Gemeindegruppen sind sehr eigenständig), man ihn überhaupt angehört hat oder ob man ihn mit der Dienstbefreiung wegen anonymer Drohungen schützen wollte oder alles von dem, ist noch nicht geklärt. Überrascht bin ich von der Geschichte nicht und gespannt, wie es weitergeht.

Chajm wies im Feiertagsgespräch auf WDR 5 darauf hin, dass der Angriff am 7. Oktober 2023 als Auslöser des aktuellen Krieges und des Leids auf beiden Seiten mittlerweile wie vergessen scheint. Chanukka und Weihnachten fallen terminlich dieses Jahr zusammen, sodass man ihn zum Interview eingeladen hatte. Moderatorin Kirsten Dietrich nahm sich Zeit, Chanukka aus mehreren Perspektiven zu erfragen und Chajm hat gute Musik mitgebracht. Danach wurde es aber auch ein bisschen zum Rundumschlag, dem Chajm mit großer Gelassenheit und Freundlichkeit begegnete. Vielleicht sollte man einfach öfter jüdische Gesprächspartner:innen einladen, dann hätte man mehr Zeit, einzelnen Themen auf den Grund zu gehen.

Ich bin noch bis nach den Ferien krank geschrieben und musste darum keine Gottesdienste halten. Dass ich Weihnachten für mich war und nicht groß feierte, mache ich jedes Jahr so, aber dass ich nicht auf die Kanzel brauchte, fühlte sich an wie die Tigerin im Käfig. Dann ist es wohl gut, wie geplant bereits nach Neujahr langsam wieder mit der Arbeit anzufangen.

Magdeburg.

Sprich du das Wort, das tröstet und befreit
und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt
und lass mich unter deinen Kindern leben.
Sei du mein Brot, so wahr du lebst.
Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

Huub Osterhuis (EG 382)


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