Karfreitag

Der Altar mit verhüllten Abendmahlsgeräten. Schwarzweiß Foto.

„Was heute wohl los gewesen wäre, wenn 400 Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes im Mittelmeer ertrunken wären? Reporter würden aus allen Häfen des Mittelmeers live berichten, wir würden eine Sondersendung nach der anderen sehen, Europa würde Aufklärung fordern und Rechenschaft für die Verantwortlichen. Ertrunken sind bis zu 400 Flüchtlinge. Es war für die meisten von uns ein ganz normaler Tag.“ So schreibt der deutsch-ägyptische Journalist Karim El-Gawhary. Das Mittelmeer ist ein gut bewachtes Massengrab und jeder weiß es. 

Auch das gehört an Karfreitag dazu. Insbesondere am zehnten Jahrestag der Katastrophe vor der libyschen Küste. Erst war von 800 Ertrunkenen die Rede, die Zahl wird später auf 400 bis 500 korrigiert. Alan Kurdi, der kleine syrische Junge mit dem roten T-Shirt, ist noch nicht darunter. Er ertrinkt erst viereinhalb Monate später vor der ägäischen Küste der Türkei. In der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 lag er vermutlich in seinem Bettchen und schlief.

Zu all dem gibt es viele Wahrheiten: Über die Geflüchteten, ihre Sehnsüchte und Absichten, über uns, ebenfalls mit Sehnsüchten und Absichten. Man lässt keinen Menschen ertrinken. Da sind sich alle einig. Aber schon, wenn es darum geht, wer ihn aus dem Wasser zieht, ist es mit der Einigkeit vorbei. 

Und auch das ist wahr: Wer jetzt in der Kirche sitzt, kann nicht gleichzeitig auf dem Sportplatz mithelfen. Wer im Wald Müll aufsammelt, kann nicht gleichzeitig das Rote Kreuz bei der Blutspende unterstützen. Selbst wenn er oder sie diese Dinge hintereinander täte, es würde kaum reichen. Das Leid ist zu groß, die Ziele zu unterschiedlich, die Absichten nicht eindeutig genug. 

Ich persönlich misstraue jedem, der mir einfache Lösungen anbietet oder oft genug aufzwingen will und bin dankbar für jeden, der erst einmal die Zielkonflikte benennt oder wenigstens nicht behauptet, dass es keine gibt.

Unter dem Kreuz aber ist Schluss mit all dem. Da wird nicht mehr verhandelt oder um die letzten Lumpen geschachert. Dietrich Bonhoeffer beschreibt es so:

„Unter dem Kreuz ist Frieden. Hier ist Ergebung in Gottes Willen, hier ist Ende unseres eigenen Willens, hier ist Ruhe und Stille in Gott, hier ist Friede des Gewissens in der Vergebung aller unserer Sünden. Hier unter dem Kreuz ist der „Zugang zu der Gnade, in der wir stehen“, ist der tägliche Zugang zum Frieden mit Gott. Hier ist der einzige Weg, den es auf der Erde gibt, um Frieden mit Gott zu finden. In Jesus Christus allein ist Gottes Zorn gestillt, sind wir überwunden in den Willen Gottes hinein. Darum ist das Kreuz Jesu Christi für seine Gemeinde ewiger Grund der Freude und der Hoffnung der kommenden Herrlichkeit Gottes. „Wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit. Hier im Kreuz ist Gottes Recht und Sieg auf Erden angebrochen. Hier wird er einst aller Welt offenbar werden. Der Friede, den wir hier empfangen, wird ein ewiger herrlicher Friede im Reich Gottes werden.“

Ich erinnere mich, als ich vor dem Vikariat eine Zeitlang bei der Diakonie in einem Pflegedienst arbeitete. Eines Morgens kam ich zu einer hochbetagten Patientin. Ich betrat das Schlafzimmer und spürte sofort: Der Tod ist im Raum. Das war überhaupt nicht beängstigend, statt dessen war es ganz ruhig und friedlich. Der Tod schien zu sagen: „Ich bin hier und ich gehe nicht weg. Du musst keine Angst haben.“

Ich versuchte, der alten Frau ein Sterben in Würde zu ermöglichen. In Absprache mit dem examinierten Rufdienst ließ ich sie schlafen und kam, solange ich Dienst hatte, jede Stunde wieder, um nach ihr zu sehen. Doch irgendwann war meine Schicht vorbei und ich konnte sie so nicht zurücklassen. Also rief ich den Notdienst.

Der Arzt fühlte den Tod nicht. Er sah nur den hohen Zuckerwert und wie schnell er sie in die Klinik bringen konnte. Meinen Hinweis, ob das wirklich nötig wäre, weil sie doch stirbt, wischte er ärgerlich beiseite. So kam die Patientin in die Klinik, wo sie wenige Stunden später starb.

Als Hilfskraft konnte ich mich gegen den Arzt nicht durchsetzen.
Aber auch er konnte es nicht gewinnen.
Ich bin sicher, wir hatten beide gute Absichten.

Was blieb, war der Tod und damit das Ende des Kampfes um Leben und Sterben, um richtig und falsch. Ende des Kampfes für den Arzt, für mich und für die Patientin.

Das Kreuz steht inmitten dieses Nullpunktes.
Die Ruhe und den Frieden, den es bringt, kommen nicht vom Tod allein.
Sondern es steht an der Wegkreuzung, die Frieden von Gott bringt.
Das Kreuz steht auf der Schwelle von Zeit und Ewigkeit.

Nirgends sind wir Gott so nahe wie im Augenblick der Geburt, sei es als Mutter, sei es als Kind; im Angesicht des Todes und unter dem Kreuz. Denn an diesem Nullpunkt laufen die Fäden zusammen. Gott nimmt uns unser stückweises Bemühen aus der Hand und fügt es neu zusammen.

Alles Leben, alles Sterben, alles Vertrauen und Hoffen läuft auf diesen Scheitelpunkt zu. Näher als an den Rand dessen kommen wir zu Lebzeiten nicht. Aber das Kreuz kommt uns entgegen und dann steht es da und weicht nicht. Aber es macht die Grenze durchlässig.

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang, 
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.“

Auch das schreibt Bonhoeffer. Es ist aus dem letzten Text, den er vor seiner Hinrichtung verfasst hat. Vor beinahe genau 80 Jahren, hingerichtet am 9. April. Auch er Zeuge dieser Durchlässigkeit, von der ich so oft denke, dass sie meine Fragen nicht beantwortet, sondern nur beruhigt.

Menschen, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind, bewerten das Leben danach oft anders. Ordnen Wichtiges und Unwichtiges neu. Wenn sie wieder zurückgefunden haben, mit genug Abstand von der Klippe.

Ich habe mich heute ein wenig an diese Grenze herangewagt. So mutig wie Jesus bin ich nicht und so mutig, wie die Menschen auf den Booten oder Bonhoeffer in seiner Zelle vermutlich auch nicht. 

Aber ich bin da. Mit meiner kleinen Kraft und dem Versuch zu verstehen.
Und ich weiß, Jesus ist es auch. Vor mir am Kreuz. Amen.

Gepredigt in der Petrikirche.


Entdecke mehr von Pressepfarrerin

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.