Verflogene Links

Foto auf meinen Balkontisch, aber nicht vom Stuhl, sondern von der anderen Seite aus. Man sieht beim aufgeklappten Macbook also von der Rückseite Richtung Schreibsachen statt umgekehrt. Daneben mein privater Stiftecontainer von Schalke 04 und meine randvolle Katzenteetasse. Davor liegen DIN A4 Blätter und darauf Textmarker-Buntstifte, Maus, Bleistift, Lineal, Anspitzer. Dann sieht man meine Stuhllehne, einen Teil des Balkongeländers und den Rasen davor.

Der Ereignisse, die zum Rücktritt der vormaligen Präses und Ratsvorsitzenden der EKD Annette Kurschus geführt hatten, wurden im Auftrag der westfälischen Landeskirche von der Unternehmensberatung Deloitte untersucht. Bereits im Mai wurden die Ergebnisse mit Rekonstruktion der Abläufe sowie Handlungsempfehlungen in einem 70seitigem Bericht als Pdf auf der Website der Landeskirche veröffentlicht. Das fand ich respektabel, soweit man das in Zusammenhängen von mutmaßlichem sexuellem Mißbrauch überhaupt so bezeichnen kann.

Ich habe den Bericht kürzlich komplett durchgearbeitet (Foto). Zum Einen wollte ich wissen, was passiert war, zum Anderen hatte ich die Idee, daraus vielleicht einen Workshop zum Thema Krisen-PR zu machen, eventuell für eines der nächsten BarCamps. Doch ich fand keinen Anknüpfungspunkt, der Bericht war einfach wirklich gut gemacht. Man vergisst schnell, dass das außerhalb kirchlicher Strukturen durchaus geht.

Das Pdf ist mittlerweile ohnehin nicht mehr da. Es wurde durch eine knappe Präsentation ersetzt. Das ist nach einer gewissen Zeit PR-seitig vernünftig. Die Umgangsweisen des Internets werden durch längere Verweildauer nicht besser. Ein längerer Artikel in der FAZ, in dem Reinhard Bingener Verlauf und Ergebnisse exzellent zusammenfasst, ist leider hinter einer Paywall verschwunden.

Meinen eigenen Kommentar müsste ich heute anders schreiben. Durch den Bericht weiß man jetzt genauer, warum die Krisen-PR versackt ist und um was es im Detail ging. Das scheint mutmaßlich mehr gewesen zu sein als erwartet. Auch die seelsorgliche Ansprache gab es wohl, nur fand sie kein Gehör. Damit, dass sich die Erde eben doch um die Sonne dreht, habe ich demzufolge recht behalten. Was die fehlende Transparenz betrifft, brauche ich ebenfalls nichts zurückzunehmen.

Mittlerweile ist die neue Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder eingeführt. Jetzt müssen noch die Ämter der beiden Vizepräses neu besetzt werden. Der theologische, Ulf Schlüter, geht regulär in Pension, der juristische, Arne Kupke, hat seinen Rücktritt zur nächsten Synode im November angekündigt. Seine Rolle in der Situation um Kurschus war nicht unumstritten. Wie bei der neuen Präses hoffe ich auch bei ihren Stellvertretungen, dass es externe Berufungen geben wird. Also Personen, die nicht aus der westfälischen Landeskirche kommen und daher frei sind vom hiesigen Klüngel.

Transparenz und Medienarbeit über Jahrhunderte, bis zum II. Vatikanum und von da ins Heute, betrachtet Benedikt Heider bei feinschwarz. Den „Konflikt zwischen religiösem Wahrheitsanspruch und modernen Vorstellungen von (Presse-)Freiheit“ arbeitet Benedikt dabei besonders heraus. Nun ist das katholische Kirchenverständnis ganz anders als das evangelische. Aber wenn es um Hierarchie, Deutungshoheit und Kommunikation geht, ahnt man trotzdem: Die Kirchen mögen unterschiedlich sein, die Interessen der Menschen sind es nicht.

Die Eule hat ihre sonntägliche Rubrik „Links am Tag des Herrn“ leider am 22. Juni eingestellt. Die „#LaTdH“ endeten immer mit einem ‚guten Satz‘. Dafür konnte ich im Laufe der Jahre und mit gewissem Ehrgeiz einige Vorschläge beisteuern. Durch die Himmelssterne bin ich ohnehin in Sachen Sprüche und Zitate auf Bluesky unterwegs und habe passenden Beifang immer gleich mitgenommen.
Im hauseigenen Eule-Podcast erläutert Philipp Greifenstein, Inhaber des Magazins, seine Entscheidung. Wenn ich das richtig behalten habe, liegt es daran, dass es durch Paywalls immer schwieriger wird, gute und zugängliche Artikel zu finden. Insgesamt nimmt der Netzwerkcharakter im Internet ab. Philipp spricht statt dessen von „Silos“, also einzelnen, nebeneinanderstehenden, mehr oder weniger zugänglichen Nachrichten- bzw. Kommunikationssäulen. Ich nenne es zunehmende Verblödung.
Für mich waren die #LaTdH die wichtigste Informationsquelle zu kirchlichen Themen. Philipp deutete an, dass es im Herbst etwas Neues geben soll. Ich hoffe sehr darauf. Dass acht Jahre ohne Unterbrechung so oder so genug sind, wie er sagt, verstehe ich aber auch. Danke, lieber Philipp, für dieses großartige Angebot über so lange Zeit!

Der Schlusslink kommt von meiner Kollegin Theotabea. Sie spricht sich dafür aus, die Kirche nicht zu retten, sondern in ihr das zu tun, was einem Freude bereitet. Ich tendiere in eine ähnliche Richtung, aber Theotabea formuliert es viel optimistischer und fröhlicher, als ich es könnte oder überhaupt wollte: „Hört auf, die Kirche zu retten und habt Spaß“.


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