Effingers

Blick auf das gewollte Chaos auf meinem Wohnzimmertisch: Ein Strauß rosa Tulpen und Rosen in einer braungeriffelten Glasvase, links daneben eine noch nicht angezündete rosa Stumpenkerte, ein Duftstein und meine Brille. Davor das aufgeklappte Taschenbuch mit Titel und Rüclen nach oben. Rechts daneben eine Postkarte von Wandklex mit roten Rosen, die ich als Lesezeichen benutzt habe. Unter dem Buch guckt man iPad mini hervor, in einer zugeklappten, schwarzen Hülle.

Was für ein großartiges Buch! Vor drei Tagen habe ich es zugeklappt und es hat mich immer noch nicht verlassen: Effingers von Gabriele Tergit. Von 1931 bis 1951 geschrieben und dann von vielen nicht gemocht erfuhr Effingers 2019 bei Schöffling eine Neuauflage, ein Jahr später als Taschenbuch bei btb und sucht man es via Hashtag, findet man es seit 2025 auch im Amerikanischen Englisch. Ich bleibe bei der deutschen Ausgabe. 878 Seiten plus Nachwort von Nicole Henneberg plus Stammbaum. Denn Effingers ist eine Familiensaga, eine jüdische noch dazu.

Von 1878 bis 1948 begleitet sie das Wohl und Wehe einer jüdischen Kaufmannsfamilie im Berlin der Kaiserzeit, des 1. Weltkriegs, der Republik, über die Inflation bis in die Schoah. Ein Zweig der Familie kommt aus dem Bankgeschäft, ein anderer aus dem bayrischen Uhrmacherhandwerk. Der alte Handwerksmeister Mathias Effinger in der erfundenen Stadt Kragsheim ist dann auch der einzige, der noch vor dem Tagwerk in die Synagoge geht und die Hand segnend auf die Köpfe seiner Kinder und Kindeskinder legt. Die übrige Familie ist assimiliert, im großen Berlin ebenso wie auf dem bayrischen Land. Ab und zu ist mal Chanukka oder eine Beschneidung, das war’s auch schon. Trotzdem wird am Grab das Kaddisch gebetet, denn man ist jüdisch und bleibt es auch. Weihnachtschristen wissen, was gemeint ist.

Der Großteil der Geschichte spielt in Berlin. Einem Berlin, das es heute nicht mehr gibt, mit seinen Kaufmannsvillen, ihren Gesellschaften und Bällen und dem Spaziergang am Sonntag Nachmittag. Gabriele Tergit schreibt das alles auf. Roman und Autorin werden der Neuen Sachlichkeit zugeordnet; Tergit verdiente ihr täglich Brot als Gerichtsreporterin. Ihren Stil als journalistisch zu bezeichnen, greift dennoch viel zu kurz. Sie wählt ihre Worte knapp und wohlgesetzt, beschreibt Umgebung und Details exakt und ohne auszuschweifen. Oft verwendet sie einfach die Begriffe der jeweiligen Zeit. Was heute ein Outfit und davor eine Garderobe war, heißt bei den alten Effingerdamen selbstverständlich Toilette. Ein überreichter Veilchenstrauß oder die zu sehr gestreifte Hose des alternden Junggesellen entfachen das Kopfkino der Leserin wie von selbst.

Und damit hat man über vier Generationen in 70 Jahren auch genug zu tun. Das Leben malt die Geschichten von ganz alleine bunt oder kohlrabenschwarz, mindestens aber alltagsgrau. Das war bei Effingers nicht anders als bei jedem von uns. Man ist darum dankbar, dass die etwas blaustrumpfige Sofie in ihrem Zimmer auf dem Sofa liegen kann, ohne sich in Gedankenwindungen zu ergehen, die die Leserin peinlich berührt mitverfolgen muss. Eine der Damen wird in einem Moment der Verlegenheit „gänsern“. Wörter, in denen ohne Geschwätzigkeit alles steckt – so bleibt es die ganzen 878 Seiten lang.

Wobei man an den Frauen der Familie den gesellschaftlichen Fortschritt über die Epochen hinweg beobachten kann. Denn sie sind es, die sich vom Kaiserreich bis in die Neuzeit am meisten verändern, während die Männer in Beruf, Politik und Tradition einfach machen, was Männer eben machen. Eindimensional oder tumb skizziert sind deswegen beide nicht. Auch muss sich niemand vor der Leserschaft rechtfertigen, ein Kind seiner Zeit zu sein.

Bemerkenswert ist außerdem die Unterteilung der Kapitel. Manches war nur eine, wenige über zehn Seiten lang. 151 Stück und ein Epilog sind es insgesamt. Jedes gibt bündig seine Sache wieder. Keine Cliffhanger oder vergleichbare Albernheiten. Das macht dieses dicke Buch ausgesprochen lesefreundlich. Man kommt in kleinen Schritten voran, hat jedesmal etwas geschafft und findet nach einer Pause schnell wieder rein. Effingers wird in seiner Brillanz häufig mit den Buddenbrooks von Thomas Mann verglichen. Für das Sujet der Familiensaga mag das zutreffen. Aber nur bei Tergit habe ich mich zum Lesen eingeladen gefühlt. Bei Mann bin ich daher über die Buddenbrooks nicht hinausgekommen. Die Leserschaft zu irgendetwas erziehen zu wollen, fiel Tergit außerdem nicht ein. Dass sie ganz hinter ihren Roman zurücktritt und schreiben kann, ohne die Bewunderung des bildungsbürgerlichen Publikums heimlich mitzudenken, ist zusammen mit der detailgenauen und schlichten Wortwahl die Kunst dieses Buches.

Entsprechend schwer fiel es mir, mich von den Familien Effinger, Goldschmidt und Oppner zu verabschieden. Glücklicherweise fand ich im Internet eine Zusammenstellung aller Personen in einem Figurenlexikon und damit einzeln zu googeln. Schon beim Lesen hatte ich den Einen oder die Andere nachgeschlagen, doch trotz biografischer Wurzeln im Leben der Autorin sind sie alle erfunden. Der Einzige, den ich entdeckte, war Max Weber, der bei Effingers Prof. Steindler heißt, außerdem ein Zitat von Arthur Schnitzler als Sprichwort. Aber vielleicht ist das auch gut so. Man liest das Buch ja ex eventu. Es geht bis 1948 und der Stammbaum zeigt die meisten Lebensdaten an. Ab dem Ende der Zwanziger ist man daher für jeden dankbar, der rechtzeitig stirbt und schämt sich dafür. Gabriele Tergit begann den Roman 1931, als sie selbst noch nicht wusste, was in den 20 Jahren bis zur Fertigstellung alles geschehen würde. Trotzdem auch dazu keine Pädagogik oder Anklage, keine Erklärung, wie das Alles geschehen konnte. Das Gesamtwerk der Autorin wird mittlerweile von der Gabriele Tergit Gesellschaft e.V. für die Gegenwart bewahrt und gefördert. Die Familiensaga Effingers zeigt, wie gut das ist.


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