
„Das Christentum ist nach wie vor der Chamäleon-Glaube, der es schon immer war, wie alle erfolgreichen Weltreligionen“, lautet das Resümee von Diarmaid MacCulloch am Ende seines Buches. 752 Seiten hat er sich Zeit genommen, um „Niedriger als die Engel. Eine Sexualgeschichte des Christentums“ zu schreiben. Norbert Juraschitz und Thomas Stauder haben das Werk aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Es ist aufgeteilt in fünf Kapitel plus farbige Abbildungen und Anhänge.
MacCulloch ist britischer Anglikaner, emeritierter Kirchengeschichtsprofessor und Teil des Gay Christian Movements. Außerdem wurde er zum Diakon der Kirche von England ordiniert. Weil er mit der kirchlichen Stellung zur Homosexualität Schwierigkeiten hatte, verzichtete MacCulloch anschließend auf die Priesterweihe. Dass er nicht der Einzige ist, weder unter den Konservativen noch unter den Progressiven, der sich über die Haltung der Kirche zur Sexualität ärgert, stellt er direkt zu Beginn des ersten Kapitels heraus: „Jeder, der sich im 21. Jahrhundert die Mühe macht, eine Geschichte über Sex und das Christentum zu lesen, dürfte den einen oder anderen Grund haben, wütend zu sein.“ Dieses „Sammelbecken für eine beeindruckend widersprüchliche Palette von Ärgernissen“ guckt sich der Kirchengeschichtler der Reihe nach an.
Los geht es mit der Geburt Jesu. Stammbäume, Jungfrauengeburt, Kindheitsgeschichten. Anschließend Paulus und die Alte Kirche: Ernährungsregeln mit Beschneidung oder Taufe; Ehe oder Zölibat. Dazu natürlich Phoebe und Junia, männlich bezeichnet als Diakon und Apostel. Danach geht es weiter mit Reichs- und Ostkirche sowie einem Schwenk zum Islam. Es folgen Reformation, Aufklärung und Neuzeit. MacCulloch schreitet die einzelnen Epochen sorgfältig, aber über die 2000 Jahre auch in großen Schritten ab. Dabei konzentriert er sich auf die Grundlagen. Nichts wird irgendwo hineingeheimst, was da nicht stand. Es geht darum, Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Sexualität für das Heute zu beschreiben, nicht den aktuellen Aktivismus in der Vergangenheit zu etablieren. Folglich handelt das Werk bis zur Aufklärung meistens von Ehe, Familie und Zölibat in den klassischen Bibelstellen und historischen Ereignissen. Das wiederum führt zu dem schönen Nebeneffekt, dass theologisch Bewanderte bei der Lektüre eine Auffrischung bekannter Tatsachen erhalten. Wer hingegen noch nicht so gut Bescheid weiß, bekommt einen Überblick über die wichtigsten Themen, verständlich erklärt!
Knick Knack und Rambazamba werden häufig wie nebenbei serviert, indem der Autor auf die Aspekte hinweist, die man gerne übersieht, weil etwas Anderes wichtiger ist. Wie die Stammbäume Jesu im Matthäus- und im Lukas-Evangelium, die beide von Josef (!) ausgehen und bei Matthäus vier Frauen aufweisen, die teilweise nicht jüdisch, Prostituierte oder nach damaligem Verständnis Ehebrecherinnen waren. Das kann unterm Weihnachtsbaum schonmal untergehen, hier aber ist es von Bedeutung. Und wer hätte gedacht, dass einer der Superstars der Reformationszeit einem Mönch glühende Liebesbriefe ins Kloster geschrieben hat? Es gibt also einiges zu entdecken. Bis schließlich auch der Letzte merkt, dass der Mensch immer schon so war und noch immer ist.
Das in verbindlichen Regeln für alle einzufangen, hat noch nie funktioniert. Die Bibel ist dabei ihrerseits keine große Hilfe. Wie die Geschichte ist sie ebenfalls nicht eindeutig, manchmal zudem nicht lebensnah genug. Einiges kommt erst gar nicht vor. Schon Paulus fing darum an, in Sachen Scheidung an den Herrenworten herumzufeilen und selbst der strengste Evangelikale nimmt es mit der Frage „What would Jesus do?“ nicht mehr ganz so genau, wenn seine eigene Ehe in Scherben liegt. MacCulloch plädiert daher pragmatisch für ein beherztes Christentum, das er als Theologe in einer modernen Anwendung des Naturrechts wiederfindet.
In der Gegenwart geht der Autor ausführlicher auf die Frauenordination und später sogar auf den christlichen Konservatismus unter Wladimir Putin und Donald Trump ein. Dass MacCulloch die Inaugurationspredigt von Bischöfin Mariann Edgar Budde zu Trumps zweiter Amtszeit trotz seines durchgängig auch feministischen Ansatzes nicht aufgreift, könnte darum ein Versehen sein.
Ich habe „Niedriger als die Engel“ kostenlos, ohne Verpflichtungen, als Rezensionsexemplar erhalten und las es mit großem Gewinn. Ein weiteres Exemplar habe ich mittlerweile gekauft, um es zu verschenken. Insgesamt ist dieses Buch eine feinsinnige Ermutigung für diejenigen, die sich mit der heutigen Entwicklung von Sex, Identität und Orientierung schwertun und ein zarter Hinweis an die Regenbogen-Community, die Kirche manchmal auch im Dorf zu lassen. Wem sowohl bei dem Einen als auch bei dem Anderen mulmig wird, sollte das Buch von hinten anfangen. Im letzten Kapitel fasst MacCulloch die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Von da aus kann man weiter rückwärts in die einzelnen Epochen springen oder ganz zurück, von vorne an.
Diarmaid MacCulloch: Niedriger als die Engel. Eine Sexualgeschichte des Christentums, München 2026, erschienen beim Verlag C.H. Beck.
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