
Der us-amerikanische National Archiv Catalog hat die Parteimitgliedschaften der NSDAP veröffentlicht. Man kann sich auf die Suche machen und Namen eingeben. Ich fand meinen Großvater väterlicherseits. Wir wohnten bei den Großeltern im Haus und er starb, als ich 17 Jahre alt war. Er trat 1940 in die Partei ein. Neben den Geschichten von der Front und aus dem Krieg erinnere ich mich daran, wie er sagte: „Ich war kein Nazi, sondern Monarchist.“
Mein Vater hat dem damals schon widersprochen, offenkundig zu recht. Nicht gefunden habe ich meines Großvaters Bruder, den ich ebenso wenig kannte wie deren gemeinsamen Vater, meinen Urgroßvater. Er trat anlässlich der Machtergreifung 1933 in die NSDAP ein, aber später wieder aus. Seine Mitgliedskarte ist durchgestrichen und der Austritt mit dem üblichen Verweis auf den Gau und einem Aktenzeichen mit Monat und Jahr vermerkt: „Ausgetr. lt. We. Sd. V/35/51“. Es wäre also auch anders gegangen, auch familiär.
Bei meinem Großvater mütterlicherseits war hingegen bekannt, dass er ein Nazi war. Es wurde erzählt, wie er im braunen Hemd durchs oberschlesische Königshütte stolzierte, bis er durch polnische Kräfte verhaftet wurde. Wobei er zu mehr als zum Herumspazieren nicht in der Lage war, da er aus dem 1. Weltkrieg ein steifes Bein zurückbehalten hatte. Sein 1932 geborenes viertes Kind, das erste mit meiner Oma, erhielt den Zweitnamen Adolf. Aus der Familie meines Großvaters tauchten mehrere Parteimitglieder bei der Suche auf, nur er selbst nicht.
Meine beiden Großmütter fand ich ebenfalls nicht, was ihrem Frauenbild entsprach. Die Oma mütterlicherseits war in einer Art umgekehrten Leviratsehe mit ihrem Schwager, also mit dem Mann ihrer verstorbenen Schwester verheiratet. Er brachte bei der Hochzeit bereits drei Kinder mit, während sie erst 22 Jahre alt war und bis Kriegsende fünf weitere Kinder bekam, wovon eines bei der Geburt starb. Sie floh mit den Kindern aus Oberschlesien, während ihr Mann im polnischen Gefängnis saß. Erst nach Kriegsende traf er – fast verhungert – bei ihr im Sauerland ein, wo viele Menschen aus Schlesien und Oberschlesien untergekommen waren. Meine Oma stammte aus einfachen Verhältnissen. Sicher wird sie eine Meinung gehabt haben, aber als junge Frau mit sieben Kindern in der Zeit auch ganz andere Sorgen. Später hielt sie sich zur SPD. Mein Großvater starb früh, ihn habe ich nicht kennengelernt.
Meine Großmutter väterlicherseits kümmerte sich nicht um Politik. In der Zeitung las sie vorne nur die Geburtstage im Lokalteil und hinten die Todesanzeigen. Ich erinnere mich, wie wir 1990 zur Bundestagswahl während der Wiedervereinigung aufbrachen. Damals fuhr man gemeinsam als Familie zum Wahllokal und machte sich dazu fein. Nicht nur aus Respekt vor dem staatsbürgerlichen Akt, es war immer auch ein kleinstädtisches Schaulaufen. Einmal aufgebrezelt ging die Familie anschließend essen. Jedenfalls kamen wir zu Hause die Treppe herunter, meine Großmutter, bereits verwitwet, trat in der Parterre aus ihrer Tür, guckte meinen Vater an und fragte: „Was wählen wir denn?“ Mein Vater antwortete: „Wir wählen CDU.“ Und so wurde es gemacht.
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