Ich war noch nicht fertig. Wobei, jetzt bin ich fertig, genau genommen seit Montag Abend. Ich telefonierte noch mit Frau von Grün, um die Ereignisse zu schildern, danach war Schluss. Völlig überdreht und die Wechseljahre machten es nicht besser, statt dessen rappelte das System erst recht.
Also versuche ich runterzukommen, erfreue mich an den schönen Zimmern und vergesse tagsüber immer noch, mich während einer Pause einfach mal auf die Couch zu setzen. Ich hatte sie allerdings in den ersten Tagen mit Kratzschutzfolie und mittlerweile mit Alufolie abgedeckt. Langsam komme ich dahinter, dass das nicht nur den #DiätKater, sondern mich gleichermaßen fernhält. Aber ich weiß auch noch nicht, nach welchen Regeln ich es haben will, weil das Sofa so schön neu ist. Vielleicht sollte ich es unter Glas stellen, sodass wir es nur von außen bewundern.
„Das ist keine Blumenpresse, die wäre viel kleiner, etwa 30 cm x 30 cm“, erläuterte die freundliche Buchbinderin und zeigte die Umrisse mit den Händen. Ich hatte ihr mein Gesangbuch gebracht, das ich noch von meiner Mutter bekommen hatte; schwarzes Leder mit Goldschnitt und aufgeprägtem Namen.
Mittlerweile hatte sich der Einband abgetrennt; dazu lösten sich die Lesebändchen auf und ein paar Seiten waren verknickt. Also googelte ich nach einer Buchbinderin und brachte es dorthin. Dabei ist mein Gesangbuch nach bald 30 Jahren und obwohl ich es oft mehrfach die Woche in meinen Dienstrucksack pfeffere, abgesehen von den genannten Blessuren gut erhalten. Das liegt an dem Schuber, in den ich es immer stecke. Auch das erklärte mir die Buchbinderin, als sie das völlig zerfledderte Pappding sah und schlug vor, ihn gleich mit zu ersetzen.
Ich hatte mir den Wecker in der Nacht eine halbe Stunde später gestellt, denn ich schlief unruhig (Wechseljahre, diesdas), musste aber um 10 Uhr zu einer Sitzung in die Gemeinde. Zwar wurde ich wie fast immer vor dem Klingeln wach, doch die lange Anlaufphase, die ich morgens brauche, fiel deutlich kürzer aus.
Kaum hatte ich meine Mails gecheckt und ein paar Minuten im Internet gelesen, ging es auch schon weiter, waschen, anziehen, fertig machen. Zwischendurch frühstückte ich ein halbes Brötchen mit Kasseler Aufschnitt und ein paar Schlucke Tee. Dann fuhr ich los.
„[D]as kirchen- und religionskritische „Punk-Gebet“, das die Frauenband Pussy Riot am 21. Februar 2012 in der Moskauer Erlöserkathedrale verrichtete – ist wiederholt im Licht der jurodstvo-Tradition gedeutet worden. Begünstigt wurde diese Deutung dadurch, dass die Frontfrau der Band, Nadežda Tolokonnikova, den „Punk-Auftritt“ als jurodstvo bezeichnete und ihre Gruppe in die Tradition der jurodivye stellte. In der Tat berichten die historischen und hagiographischen Dokumente oft von Störaktionen, die jurodivye in der Kirche begangen haben, um die Gläubigen aufzurütteln und die Missstände in Kirche und Gesellschaft zu entlarven. Diese Störaktionen ähneln dem „Punk-Gebet“ von Pussy Riot sowohl in phänomenologischer als auch in teleologischer Hinsicht […].“
Christian Münch: Das Jurodstvo im russischen Kulturkontext. Ein deutungsgeschichtlicher Überblick, in: Stefan Reichelt (Hg.), Narren in Christo. Über das Unorthodoxe in der Orthodoxie, Leipzig 2020, S. 47. [Ergebnisse der Fachtagung 2016 des Arbeitskreises „Kirche im Osten“. ]