
Als Hörbuch hatte ich „Detransition, Baby“ von Torrey Peters im Krankenhaus dabei. In meinem Fall war das die deutsch Ausgabe, übersetzt von Frank Sievers und Nicole Seifert, mit wunderbar kieksender Stimme gesprochen von Britta Steffenhagen. In dem Roman geht es um eine cis Frau, die ein Kind von einem trans Mann erwartet, der einmal eine trans Frau war. Heißt, sie hat als Frau gelebt, bis er schließlich wieder in die männliche Rolle zurückgewechselt ist. Wirklich cis ist der Kindsvater also nicht. In diesem queeren Umfeld schreitet die Schwangerschaft voran.
Ich habe das Buch verschlungen! So klug, so böse der Humor in alle geschlechtlichen Richtungen. Der Wechsel der Pronomen, je nach dem mit welchen seiner Peers der Kindsvater gerade spricht, ist beim Zuhören schon die erste Übung. Das Licht der Erkenntnis leuchtet im mannigfachen Genderchaos grundsätzlich zuerst bei hetero-cis Männern auf. Allein deswegen habe ich beim Zuhören manches Mal zurückgespult: „Hat der das jetzt wirklich gesagt?!“
Wie in einem Roman oft üblich scheinen alle Protagonist:innen in nächster Nähe zu leben, zu wohnen und zu arbeiten. Das treibt nicht nur die Handlung voran, man hat auch alle Sorten von „in drag“ gleichsam auf einem Fleck. Mir vorzustellen, wie unbedarfte cis-hetero Normative dieses Buch lesen oder hören, ist Teil der klammheimlichen Freude, die mich mit fortschreitender Handlung immer öfter überkam. Das habe ich so seit meinen ersten Ralf-König-Comics nicht mehr gehabt.
Gleichzeitig nimmt Torrey Peters eine Anleihe an frühere Zeiten, als trans, in drag, lesbisch, bi usw. vor allem auch bedeuteten, dass mensch unter dem Regenbogen zusammengehörte und darum zusammenhielt. Heutzutage sind die einzelnen Identitäten ausdifferenzierter. Das führt meiner Meinung nach oft dazu, dass die Zusammengehörigkeit verlorengeht. Die Autorin bringt demgegenüber nicht nur die damalige, solidarischere Perspektive zurück. Sie geht auch insgesamt nicht zimperlich mit den trans Frauen ihres Romans, ihren Sitten und Gebräuchen um. „Ein Buch wie ein Schlag ins Gesicht, so witzig und ehrlich“, schreibt Enrico Ippolito im Spiegel, zitiert vom Uhlstein Verlag. Und eben darum der absolute Hammer!
Die Abhandlung von Antje Schrupp, „Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“, habe ich ganz klassisch auf Papier gelesen und mir teilweise von Antje vorlesen lassen, als ich ihre Lesung in Gütersloh besuchte. Gesprochen von Friederike Beyer gibt es auch ein Hörbuch, erhältlich bei den üblichen Anbieterinnen, aber leider ohne Verlagsanzeige.
Antje schreibt schon lange und auch dieses Mal wieder, dass das Patriarchat zu Ende ist. Ihr neuer Blickwinkel darauf zeigt, was statt dessen kommt, nämlich das postpatriarchale Chaos. Das Regiment der Väter des Landes, der Familie oder des Glaubens, das früher Struktur, Hierarchien und Sicherheit gab, wird jetzt abgelöst von einzelnen Bros mit und ohne Kumpanen, die sich weder an Regeln noch an Gesetze halten, sondern machen, was sie wollen. Das ist nicht nur verantwortungslos, es führt auch zu nichts. Donald Trump ist für dieses Verhalten aktuell das bekannteste Beispiel. So weit in meinen eigenen Worten die Grundthese dieses Buches, von Antje in zwölf Kapiteln genauer entfaltet und angenehm beschrieben, trotz des schwierigen Themas.
Dass die Gegenüberstellung „einst Patriarchat, jetzt postpatriarchales Chaos“ ziemlich plakativ ist, um die Unterschiede herauszuarbeiten, würde, glaube ich, niemand bestreiten. Die Übergänge sind fließend und Zeit ist ebenfalls politisch relativ. Erstaunt hat mich hingegen der gegenüber dem klassischen Patriarchat recht versöhnliche Unterton: „Mit denen konnte man wenigstens diskutieren. Sie kümmerten sich meistens um die, die unter ihnen standen.“ So habe ich es aus der Lesung in Erinnerung; in ihrem Buch spricht Antje von „Instanzen“, „Gesetze(n) und Gebote (…), die die Patriarchen sich selbst gegeben hatten“ und ruft „die Bibel, Kant und Harvard“ zu Zeugen auf.
Die meistens, aber nicht nur liturgisch und geistlich konservative Seite in mir kann sich damit seit jeher gut anfreunden. War eben nicht alles Mist bei den Vätern. Aber die Feministin, die ich bin, regt sich auf! Wobei ich das in meinem Kopf noch nie richtig zusammengekriegt habe. Denn der Preis dafür, dass irgendein Kerl doch mal einen Geistesblitz hatte, ist auch im Patriarchat definitiv zu hoch und wird in dem Chaos, das danach kommt, nicht besser. Dabei trotzdem nicht stehen zu bleiben, sondern weiterzudenken und andere zum Mitdenken einzuladen, ist gleichwohl das große Verdienst dieses Buches. Ich hab es gern gelesen und als vielfältige Bereicherung empfunden. Trotzdem wüsste ich gern genauer, wie Antje über die mehr oder weniger brauchbaren Reste des Patriarchates denkt.
Entdecke mehr von Pressepfarrerin
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.