
Hannes Wader habe ich bisher verpasst. Ich war für seine Musik knapp zu jung und wuchs zudem in einem streng konservativen Umfeld auf, wo er keine Rolle spielte. Nur zwei Lieder kenne ich von ihm sicher: „Heute hier, morgen dort“ sowie seine Fassung von „Bella ciao“, die ich sehr mag. Ein paar weitere Songs ordne ich unabhängig von Wader den Volksliedern zu. Eine ganze Platte von ihm hörte ich noch nie, es hat sich einfach nicht ergeben.
Und dann kommt der aus der hiesigen Stadt, potzblitz! Ich erfuhr es letztes Jahr im Radio, als es (wieder) darum ging, dass man zu Lebzeiten keine Straße nach ihm benennen würde, weil das nicht üblich sei. Der Wunsch wird wohl mehr oder weniger regelmäßig von seinem Fankreis an die Stadt herangetragen.
Ich hatte das schon fast wieder vergessen, als ich auf dem Heimweg vom Bogenparcours wegen einer Baustelle einen Umweg fahren musste und das Navi mich durch ländliche Gefilde führte. Dort tauchte irgendwann ein Schild auf, das in Richtung „Hannes Wader Aue“ wies (1). Ich bin natürlich sofort dahin abgebogen und gelangte kurz darauf zu einem weiteren Schild, das erst zu einem Feldweg und dann zu gar nichts führte. So kurvte ich vergeblich noch ein bisschen herum, bis ich schließlich nach Hause fuhr und mich nach genauerer Recherche auf später vertagte.
Bis dahin sollte es aus den bekannten Gründen drei Wochen dauern, doch schließlich war mir dringend nach Ablenkung. Also neuer Versuch, wieder vergeblich, wieder nichts gefunden. Das ergoogelte Wissen, dass nahe der Aue früher der Schulweg des kleinen Hannes war, half mir auch nicht weiter. Folglich wieder umgekehrt, einen jungen Mann nach dem Weg gefragt und erstmal einen Abstecher zur Heilig-Geist-Kirche gemacht, die ebenfalls ausgeschildert war. Bei Wikipedia steht, diese sei „ein Kleinod unter den modernen Kirchen im ostwestfälischen Raum“ – zu recht, jedenfalls so weit ich gucken konnte. Im Geviert angeordnet waren Glockenturm, Pfarrheim, Gemeindehaus und Kirche. Wobei aus der tiefliegenden Turmdecke mehrere Glockenseile hingen (2), da die Hauptglocken noch von Hand geläutet werden, was einzigartig im Bistum Paderborn ist. Die achteckige Kirche daneben war wegen Renovierungsarbeiten leider geschlossen. Ich legte das Handy zum Fotografieren ans Fenster des Portals und nahm so trotzdem ein Bild (3) des zurzeit unbestuhlten Kirchraums mit dem Altar im Zentrum auf. Im Innenhof plätscherte derweil ein Sprinbrunnen (4), der mit einer Bronzesäule gestaltet war, darauf die Flammenkrone des Pfingstwunders. Das passte gerade gut.
Wenige Minuten von dort mit dem Auto entfernt gab es außerdem eine Seeschlange nach Art eines Drachen, die auf einer Verkehrsinsel wohnt (5). Gestaltet wurde sie von Schüler:innen der in der Nähe liegenden Laborschule, als Dekor für den Weg und als Symbol dafür, dass es „okay ist, anders zu sein“.
Doch zurück zu Wader. Dritter Versuch, diesmal wurde ich problemlos fündig, nachdem ich am Ende des Feldwegs nach rechts auf einen weiteren, schmaleren abbog. Hier lag endlich die „Hannes Wader Aue“: Hinter einer Informationstafel (6) mit einem gleichermaßen so beschrifteten Findling (7) unter Apfelbäumen erstreckte sich eine große Weide. Von da aus blickte man am Horizont auf den Fernsehturm (8) und hatte im Rücken einige Bänke, die ihre Zugehörigkeit zu dem Ensemble durch eine Plakette (9) dokumentierten. Ich nahm dort allerdings nicht Platz, sondern fuhr wieder heim, weil ich noch ins Schwimmbad wollte. Wieder zu Hause hörte ich das zu erwartende Lied, das der QR-Code auf der Infotafel bei YouTube aufrief:
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