Dieses Wochenende verbrachte ich zum ersten Mal länger auf Bluesky als auf TwitX. Für mich ist oder war TwitX (Twitter) meine Hauptplattform, während ich mich gleichzeitig auf Mastodon, Instagram, hier im Blog und seit neuestem auf Bluesky rumtrieb, um zu gucken, was sich dort oder bei mir entwickelt.

Doch mittlerweile geht es mir wie vielen Hochfrequenz-Twitterern: Ich würde ja weitermachen wie bisher, aber es ist fast niemand mehr da. Übrig geblieben ist meine Politbubble, allerdings ohne woke Dramaqueens und allzu linken Unsinn, was auf den ersten Blick erfreulich ist, aber meinem Interesse an einem breiten Horizont völlig zuwiderläuft. Dazu kommt ein kleiner Rest der Theobubble, von denen die Meisten ebenfalls schon länger mehrgleisig fahren.
Ein großer Teil des linken Flügels ist nach Mastodon abgewandert. Man vernetzt sich als rotgrünes Bildungsbürgertum aus Kunst, Literatur, Oberstudienräten und Kirchenszene, wer will, sogar auf kirchlicher Instanz. Auch die Snowflakes tauchen dort wieder auf, ohne dass ihnen widersprochen würde oder ein paar andere Meinungen sie wenigstens auf eine gewisse Erträglichkeit verdünnten.
Ich unterhalte seit über 5 Jahren einen Mastodon-Account und er hat mich immer mehr an Facebook als an Twitter erinnert. Deswegen kann ich dieser Plattform mit ihrem dezentralen und kollektivem Aufbau nach wie vor eine Menge abgewinnen. Aber eben als dem, was sie ist und das ist keine Alternative zu Twitter, jedenfalls nicht für mich.
Das gilt noch stärker für Instagram, was auch daran liegen mag, dass es in meiner online Generation erst nach Blogs, Facebook und Twitter kam. Wir nutzten es als Gadget für Foodporn und später als öffentliches Fotoalbum, nur wenige stellten dort ein größeres Standbein auf. Ich bin mittlerweile zu Foodpics zurückgekehrt; Storys gucke ich mir kaum noch an, dann lieber TikTok. Das war die erste bewusste Entscheidung, die ich in den letzten Monaten traf. Ob ich hier im Blog mehr mache, könnte eine weitere sein, zumindest überlege ich das.
Vor dreieinhalb Wochen kam ich zu Bluesky. Aktuell geht das nur auf Einladung, angeblich, um Hatespeech und Spam besser abwehren zu können und weil wohl insgesamt noch nicht klar ist, wohin die Reise geht. Potentiell wäre es dezentral, Jack Dorsey ist im Boot und die ganze Veranstaltung noch ziemlich beta. Aber die Stimmung ist gut und der Sound ist super, erinnert an Twitter, bevor es anfing, zunehmend zu kippen. Vor allen Dingen sind bald alle da: Meine Timeline und die Nachbarbubbles. Wie üblich eher linkslastig, aber einige Liberale und Konservative sind auch schon aufgetaucht, wobei die Politik bisher nur eine untergeordnete Rolle spielt. Zwar weiß ich noch nicht, welche Themen ich mir nach den Erfahrungen auf TwitX künftig wünsche, aber ich beginne, mich wohlzufühlen. Die Wenigen, die jetzt noch fehlen, sind meistens auf Mastodon. Gerade mal ein Dutzend habe ich weder hüben noch drüben gefunden, ich warte weiter ab.
Den Geist, dessen Flasche Melon so rücksichtslos zerschlagen hat, wird man nicht wieder einfangen und etwas wirklich Neues hat er immer noch nicht anzubieten. Auch die globale Bedeutung, die die mutwillige Fehlsteuerung bis hin zur Havarie einer Social-Media-Plattform hat, rückt zunehmend in den Focus. Zwei Interviews habe ich kürzlich gelesen, die mir sehr einleuchteten: Zuerst mit Melons Biograph Walter Isaacson bei t-online und heute mit Yoel Roth, Twitters vormaligem Chef für Trust and Safety, in der NZZ.
Wie es weitergeht, weiß ich trotzdem noch nicht. Im Gegensatz zu denen, die direkt nach dem Verkauf letzten Herbst ihre Zelte abbrachen, habe ich mich für mehr Zeit und eine Philosophie der kleinen Schritte entschieden. Twitter ist in den letzten zwölf Jahren mein kirchliches und privates zu Hause gewesen, wo ich Freundschaften und Verbündete fand und im Radius der Plattformen immer wieder neu finde. Damit möchte ich achtsam umgehen. Es reicht, wenn einer die Bude einreißt.
Überschrift von Madness.
Erster Post zum Thema: Meine 0,02 €.
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