Nummer 4

Ein Rant, zumindest wünschte ich, der Post finge an wie einer. Statt dessen geht es los mit einem Klagegesang. Das ist jetzt der vierte Beitrag zum Thema Social Media, seit Elon Musk Twitter zerlegt hat. Immer noch gucke ich mir an, wie es seit dem weitergeht. Ich versuche, im Getümmel meinen Platz zu finden und bin mit der Trauer um Twitter noch nicht fertig. Andere scheinen sich mit den neuen Umständen längst arrangiert zu haben, manche erstaunlich schnell und viele sind zufriedener als vorher. Bei mir ist das nicht so. Ich, die immer zwischen allen Stühlen sitzt, war auf Twitter zu Hause mit allem, was mich ausmacht, von zart bis hart, von fromm bis liberal, von witzig bis feinfühlig. Ich gehörte dazu, ohne dass es mir zu eng wurde oder ich jemals einsam war. Jetzt ist das nicht mehr so. Im Internet zu Hause – keine Ahnung, wo das gerade ist.

Auf Mastodon bin ich kaum noch. Abgesehen von zwei oder drei Personen, mit denen ich mich bisweilen austausche, sind alle Anderen mittlerweile auf Bluesky. Aber nach wie vor fehlt dort die Politblase, auf liberaler und konservativer Seite nahezu vollständig, auf der linken und grünen ebenfalls zu einem Großteil. Letzteres fällt zuerst gar nicht auf, weil das himmlische Klima insgesamt so rotgrün ist, dass ich in meiner Timeline schon mehrfach las, Bluesky wäre eine linke Plattform. Kluge und interessante Beiträge oder Links gibt es durchaus. Doch wenn man auf X nachsieht, merkt man, was noch alles fehlt. Das gilt besonders für die hauptberufliche Politik sowie die Diskussionsfreudigen in den Feldern davor und drumherum. Wobei Mikroblogging nach meinem Verständnis weniger aus Chats und Replys besteht, sondern in erster Linie aus einer Vielzahl von eigenständigen Posts und Meinungen, die ein thematisches Geflecht ergeben. Aber das mag Ansichtssache sein und Ausnahmen gibt es immer. Wie ich aus dem Augenwinkel mitbekam, sind Technik-Nerds ebenfalls kaum vertreten. Der 38c3 fand nahezu komplett auf Mastodon statt. Auf Bluesky wurde er zumindest in meinem Umfeld nicht einmal erwähnt.

Statt dessen wird der Himmel zunehmend zu einer Echokammer, in der es für einige Frequenzen keinen Widerhall gibt, jedenfalls keinen freundlichen oder wertschätzenden. Statt dessen wird schnell gepöbelt oder konfrontiert, wenn ein Account vom linksgrün erweckten Schema abweicht, so zumindest erlebe ich es. Halte ich die Klappe und lese nur mit, wird es auch nicht besser. Es ist der immer gleiche moralinsaure Diskant, dessen Koloratur man niemandem aus dem liberal-konservativen Lager durchgehen lassen würde. Von den ständigen Nazivergleichen gar nicht zu reden. Ich habe mich schon länger gefragt, woher die Wucht kommt, mit der die bürgerlichen Parteien und ihre Anhängerschaft bedacht werden. Daran dass einen verschiedene Ansichten der Gegenseite nicht überzeugen, kann dieses Dauerfeuer nicht allein liegen und an Jan Böhmermann auch nicht. Auf Nachfrage zeigt sich häufig, dass gar nicht nachgelesen wurde, was genau gemeint war oder worum es geht. Zumindest das leuchtet mir als Erklärung ein. Dann konstatierte Olaf Scholz bei den Liberalen „fehlende sittliche Reife“ und schob ihnen sämtliche Schuld für das Scheitern der Ampel in die Schuhe. Wenn so ein Verhalten sogar dem Kanzler als salonfähig gilt, wundere ich mich nicht mehr.

Elon Musk durfte, flankiert von der direkten Gegenrede des neuen Chefredakteurs der Welt-Gruppe Jan Philipp Burgard, seine kruden und mehr ins Flache zielenden Gedanken kurz nach Weihnachten in der Welt am Sonntag veröffentlichen. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, bis ins neue Jahr wurde darüber diskutiert. Außer auf Bluesky. Da war man sich einig: Musk, Welt, Springer, alle böse, alle gleich.

Ich verwies darauf, dass nicht nur Springer, sondern die Medien insgesamt immer ein Eigenleben mit eigenen Interessen führen und nicht die Freunde ihrer Leser:innen sind. Die Reaktion war Unwillen, Gepöbel und Mansplaining. Statt die Medien- und Machtkritik zu sehen, die sich aus meinem Post ableitete, hieß es, ich würde den Einfluss des Springerkonzerns nivellieren. Dass ich Putin in der Zeit als Beispiel angeführt hatte, spielte keine Rolle. Nach Neujahr wurde dort ein mittlerweile festgenommener, palästinensischer Influencer interviewt, der eine Silvesterrakete durchs Fenster in eine Wohnung schoss und sich dabei filmen und zunächst feiern ließ. Auf Bluesky gab es dazu keine Reaktion. Auch nicht von mir, dabei hätte es gut in das Themenfeld gepasst. Lieber bin ich zurück zu X gegangen, um mich da zu äußern. Ich möchte nicht diejenige sein, die die Gemütlichkeit hinter der Brandmauer dauernd stört.

Die Welt ließ Elon schreiben, die Zeit ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn Putin, der Spiegel Relotius und die SZ brachte antisemitische Karikaturen.Und jetzt alle: "Die Medien sind nicht unsere Freunde. Sie verfolgen in erster Linie eigene Interessen, Auflage und Umsatz und sie machen Fehler."

Pressepfarrerin (@pressepfarrerin.de) 2024-12-29T11:05:10.924Z

Zu Musks Auftritt in der Welt waren auf X allein unter den konservativen und liberalen Accounts, bei denen ich mitlas, alle Für- und Gegenmeinungen vertreten. Niemand vermisste darum die Abgewanderten. Sie hätten (wie auf Bluesky ersichtlich) ohnehin nichts beizutragen gehabt. Der Wechsel von X nach Bluesky gelingt von bürgerlicher und medialer Seite nur schleppend und selbst von den Linken und Grünen bleiben viele dort. Hier sieht man, warum das so ist. Außerdem glaube ich, dass es mit der Widersprüchlichkeit zusammenhängt, die Meinungsstärke manchmal mit sich bringt. Über Wochen las ich auf X bei Catherine Lysistrata mit. Sie machte sich die Mühe, im Prozess über die Vergewaltigungen von Mazan die zweifelhaften Aussagen der Täter und die Richtigstellungen von Gisèle Pelicot, also große Teile des Gerichtsverhandlung, zu übersetzen und die Stimmung vor Ort wiederzugeben. Ich bin ihr für diese Arbeit sehr dankbar. Gleichzeitig ist die Übersetzerin eine TERF, lehnt folglich das Selbstbestimmungsgesetz für trans und queere Personen ab. Ich bin sicher, auf Bluesky hätte sie deswegen mit ihren Prozessberichten keine Chance gehabt. Auf X ist die Ambiguitätstoleranz höher, mindestens aber die Bereitschaft, manches einmal stehen zu lassen. Das Thema ist ohnehin noch lange nicht zu Ende diskutiert.

Dabei ist es auf X wirklich nicht schön. Die Atmosphäre ist bis auf wenige Ausnahmen nach wie vor dahin, fast nur noch Politik und Irrlichter. Replys und Reichweite werden durch gestaffelte Mitgliedsbeiträge und einen intransparenten Algorithmus bestimmt; Moderation gibt es fast gar nicht mehr. Vernetzung und Einbettung, ob rein oder raus, funktionieren weiterhin nicht mehr vernünftig. Mit Free Speech hat so eine Bruchbude nicht viel zu tun. Ich gehe trotzdem weiter hin, um mich zu informieren und ab und an zu beteiligen. Noch spielt die Musik dort.

Mein tägliches Hauptstandbein bleibt vorerst Bluesky. Seit ich die Spendengala „Ein Herz für Kinder“ Anfang Dezember im Fernsehen geguckt und für gut befunden hatte, bekomme ich allerdings sehr viel weniger neue Followers. Statt dessen erhielt ich nach dem Abend eine Menge Blocks und zwar genauso viele wie Ende letzten April, als ich beim Frühlingsfest des hiesigen Tierheims ein ursprünglich veganes Steakbrötchen mit einem Klecks vegetarischer Sour Cream verspeiste. Dass ich auf das Fest nur aufmerksam geworden war, weil ich kurz zuvor die Hinterlassenschaften des gerade verstorbenen #NeoKaters (Transportkorb, Vorlagen, Medikamente) als Sachspenden abgegeben hatte, nützte nichts. Nun bin ich lange genug in den Sozialen Medien (haha!) unterwegs, dass mich sowas nicht schnell erschüttert. Nach den Erfahrungen mit meinem Post zu Musk in der Welt überlegte ich dennoch ernstlich, meinen Account auf Bluesky zu löschen. Ein Toast von Frau Novemberregen, ein schöner Silvesterabend online und eine interessante Idee, die jemand replyte, brachten mich unausgesprochen davon ab. Dass wir an Neujahr nach langem wieder einige Leute waren, die gemeinsam Traumschiff guckten und sich unter dem entsprechenden Hashtag versammelten, half außerdem.

Ah, zum Jahresende wird nochmal alles an Anweisungen und Belehrungen in den Timelines rausgeholt was geht. Wünsche euch allen für 2025 einen offeneren Blick, weniger Schmerz beim Aushalten von Unterschieden und viel Spaß. Prost!

novemberregen (@novemberregen.bsky.social) 2024-12-31T12:51:01.777730Z

Meine politischen Gedanken zum Jahresende brachte ich hier im Blog als Florilegium, ohne es in meinen Accounts bekannt zu machen. Das werde ich künftig je nach Anlass beibehalten. Wen wirklich interessiert, was ich denke, wird es finden und einordnen können. Wer herumpöbelt, kann mich mal oder wird weggeblockt. Dass Musk Twitter, nachmals X, kaputt gemacht hat, ist das Eine, die Talfahrt ist noch nicht zu Ende. Dass der Meinungskorridor auf Bluesky immer enger wird, gilt für mich ebenso. Ausgerechnet Wolf Lotter regt sich mit am meisten darüber auf und kuratiert seine Beiträge entsprechend: Hatte er auf X über irgendwelche „Lacknasen“ gespottet, ist der Lack auf Bluesky sicherheitshalber ab.

Etiam si omnes, ego non.Und so schon gar nicht, ihr Nasen!

Wolf Lotter (@wolflotter.bsky.social) 2024-12-18T17:58:22.161Z

Allgemein wurde spekuliert, weshalb Musk zur Veröffentlichung eines Artikels in der Welt eingeladen wurde: Ist Springer vielleicht doch AfD-nah (nein), tentakelt Mathias Döpfner wieder in den USA herum oder warum bot sich das Blatt als Plattform an? Ich persönlich glaube, dass es gar nicht um solche Ziele ging. Statt dessen ist es viel banaler: Da wollten ein paar Kerle anlässlich der personellen und strukturellen Veränderungen im Medienunternehmen Axel Springer zum Jahreswechsel auf sich aufmerksam machen und darum mit dicker Hose einen noch dickeren Fisch an Land ziehen. Und wie immer, wenn das Denken in die untere Etage wechselt, kam nur Mist dabei heraus. Meiner Meinung nach ist es tatsächlich so einfach. Ich ärgerte mich daher nicht wegen des Artikels, sondern wegen der diskursiven Reichweite, die die Herren damit erzielten. Denn um mehr ging es nicht. Und wir alle machen mit.

Nur von Threads hörte ich in meinem Umfeld nichts mehr und beließ es dabei. Sicherheitshalber wartete ich außerdem den Space von Elon Musk und Alice Weidel ab. Aber man muss sich keine Sorgen machen, jedenfalls nicht wegen dieses Gesprächs. Es war ein Satz mit X, ich kann mir den Spruch nicht verkneifen. Hier im Blog werde ich mich weiterhin vermehrt aufhalten. Die Überlegung wird zur Entscheidung. Auch sonst habe ich genug zu tun.

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