
Die ältere Nachbarin hatte den Bus verpasst. Ich nahm sie mit dem Auto mit, Richtung Dorf. Als wir durch eine Gasse mit einer Fachwerkhaus-Reihe fuhren, zeigte sie auf das Eckhaus und dann nach vorn: „Das war einmal eine Judenkirche und die Treppe dort heißt Judentreppe.“ Ich fragte nach und die Nachbarin erzählte, was sie dazu wusste. Der Begriff Synagoge kam ihr nicht über die Lippen, für so ein schweres Wort war der alte, ostwestfälische Schnabel nicht gewachsen. Aber die Augen blitzten und sie freute sich, dass sie der zugezogenen „Frau Pastor“ (!) etwas Interessantes zeigen konnte, was die noch nicht wusste.
Später, allein auf der Rückfahrt, fuhr ich noch einmal hin, um genauer nachzusehen, fand eine Tafel und zu Hause im Internet einen Aufsatz: Das Eckhaus war ein Anbau, bei dem es sich um ein Bethaus mit Mikwe und Schule der jüdischen Stadtgemeinde handelte. Die Synagoge hatte es Mitte des 19. Jahrhunderts für etwa 50 jüdische Bürger im hiesigen Ortsteil eingerichtet; ein Tischler hatte das Gebäude zur Verfügung gestellt. Im Jahr 1889 wurde der Anbau in eine Tischlereiwerkstatt umgewandelt. Den gegenüberliegenden Aufgang zum Kirchhof nannte man Judentreppe.

Mein Blog ist selten tagesaktuell, aber selbst wenn ich wollte, käme ich der Zeit im Moment kaum hinterher. Dass ich mir Christian Lindner live angesehen habe, liegt schon drei Wochen zurück. Vorgestern fuhr ich zu einem Vortrag von Marie-Agnes Strack-Zimmermann, den ich beinahe verpasst hätte, weil ich wegen der Debatte zur Zustrombegrenzung wie gebannt vor dem Fernseher klebte.
In meiner politischen Haltung sehe ich mich bekräftigt, was zum ersten Mal dazu führte, dass man mir auf Bluesky nahelegte, besser den Mund zu halten. Ansonsten gab es auf X alle Meinungen, auf Bluesky in aktualisierter Version nur die übliche eine, dafür jede Menge Nazivergleiche. Doch die liest und hört man nicht nur dort, weswegen Linda Teuteberg schrieb: „Inflationärer Gebrauch der Nazikeule ist kein Ausweis sittlicher Reife, sondern eine geschichtsvergessene, ebenso kleine wie gefährliche Münze.“
Auch wenn es hoch her ging, wozu einiges zu sagen wäre, überkam mich das Gefühl, dass endlich einmal frische Luft ins Parlament gelassen wurde und die Reihenfolge wieder hergestellt, der es zuerst um die Sache und nicht um eine Brandmauer geht, mit der mittlerweile vor allem linksgrüne Deutungsmuster verteidigt werden. Dass trotzdem nicht „fertig beschlossen“ wurde, finde ich daher nicht schlimm. Ich frage mich ohnehin, ob es von Friedrich Merz nicht klüger gewesen wäre, die paar Wochen bis nach der Wahl abzuwarten. Denn wieder zusammenraufen wird man sich müssen.

Schließlich sind mir die vielen religiösen Begriffe aufgefallen, mit denen die Debatte aufgeladen war: Sündenfall, Erlösung, Höllentor. Dieter Nuhr hat es auch gemerkt. Ich sah mir in der Mediathek seine Abendsendung an, ich hatte sie bisher noch nie geguckt. Bei der zweiten Inauguration von Präsident Donald Trump spielten Gott und seine vermeintliche Erwählung ebenfalls eine große Rolle. Damit hat sich Benedikt Heider genauer befasst. Frau Juna greift in der Radiosendung „Aus der jüdischen Welt“ die politische Uneinigkeit der jüdischen Gemeinschaft in den USA auf. Außerdem berichtet sie über Maayan und Alex Sherman, die ihren Sohn in Gaza verloren haben: Rons Tierheim und der Mythos der geeinten US-Community.
Marie-Agnes Strack-Zimmermann erläuterte die europäische Situation vorgestern aus außenpolitischer Perspektive. Dass Grönland geostrategisch wichtig ist, ist mir klar gewesen, dass es der globale Westen umso mehr braucht, weil sich durch das schmilzende Polareis seeseitig neue Angriffsflächen Richtung Kanada eröffnen, hatte ich nicht bedacht. Die Ukraine rief sie uns mit einem Vergleich in Erinnerung: „So nah wie von hier bis nach Madrid.“ Die Migrationswellen, durch Kriege verursacht, sind auch deswegen von den Angreifern gewünscht, weil sie die Aufnahmeländer destabilisieren. Zur Not hilft man, wie an der Grenze von Polen und Weißrussland, mit Bussen nach und im Internet sowieso. Dem Publikum empfahl Strack-Zimmermann, die Spaltung in Gesellschaft und Web nicht mitzumachen, sondern das Gespräch zu suchen: „Seien Sie ruhig mal der Partypooper, der über Politik reden will. Keiner hat die Weisheit mit Löffeln gefressen.“ Dabei ging es ihr nicht ums Rechthaben oder um Parteiwerbung, sondern darum, auch bei unterschiedlichen Ansichten in Verbindung zu bleiben. Alles Andere stärke die Ränder.

Der Fotograf Rowland Scherman schreibt und zeigt Bilder in seinem Newsletter über „Bob Dylan enters the World“ und verrechnet sich um 1-2 Jahre mit dessen Alter. Aber egal: „And I was lucky to be there, to make pictures of most of it.“
Heute ist Mariä Lichtmess, Darstellung des Herrn, in der evangelischen Kirche der letzte Tag von Weihnachten. Ich ließ das Herz der Krippe, Maria und Josef mit dem Kind, noch einmal auf den Altar stellen und durch die Augen des Propheten Simeon betrachten: „Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern“ (Lk 2,30-31).
Altbundespräsident Horst Köhler ist am Samstag gestorben und am Mittwoch Marianne Faithfull.
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