Jetzt ist Threads also in Europa angekommen und damit die nächste Alternative zu Twitter am Start. Zur Erinnerung: Twitter gibt es nicht mehr. Murks hat es kaputt gemacht und was X sein soll, wie er das Verbliebene jetzt nennt, weiß ich immer noch nicht. Am Anfang versuchte ich noch, es mittels blauem Haken herauszufinden. Doch der Mehrwert war minimal: Lesezeichen nach selbstgewählten Themen sortierbar, aber nicht verschiebbar; Korrekturfunktion nur bei regulären Posts und mit deutlichem Hinweis; dazu die Performance genau so ramponiert wie vorher. Das war mir auf Dauer keine 11 Euro im Monat wert. Wenn ich den Haken zurückwollte, wären es mittlerweile sogar 25 Euro. Zum Vergleich: Für das monatliche Abo der Welt-App zahle ich 10 Euro und muss noch nicht einmal selber Content liefern.
Auch mit Instagram konnte ich mich nie richtig anfreunden. Ich finde es dienstlich ganz praktisch und privat nutze ich es als Gadget für Foodporn, das war’s auch schon. Instagram ist für mich immer „Twitter für Mädchen“ (m/w/d) geblieben. Hochglänzend, oberflächlich, bisweilen fies, eben die Pferdeschwester unter den Plattformen. Wobei ein Großteil der Accounts selbst gar nichts postet, sondern nur wohlfeil mitliest.
Und dann kam Threads. Wie zu erwarten prallen hier Welten aufeinander. Die Insta-Community sucht ihr Bullerbü beim algorithmischen Weihnachtsmann: „Lieber Algorithmus, hier meine Interessen…“ Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Was ich außerdem noch erblickte, waren die evangelikalen Stoßtruppen, Pietkong on fire. Ich habe mich immer gefragt, wo die Accounts herkommen, die versuchen, den jüngeren Pfarrerinnen das Leben schwerzumachen, „das Weib schweige in der Gemeinde“ und so. Jetzt weiß ich es. Dafür kommt die Politik erst gar nicht her oder wird von Instagram von vornherein ausgeknockt. Dazwischen unzählige Leute, die ihre Peers suchen, ein Chaos wie auf einem Bahnsteig, wenn zwei ICEs gleichzeitig angekommen sind. Dienstlich werde ich mir noch eine Zeitlang angucken, was man damit machen kann. Privat war nach neun Tagen Schluss.
Was mich nach der Atmosphäre am meisten nervte, war das Interface, das bloß auf Masse zielt. So kann ich nur über Umwege sehen, wer mir zurückfolgt und wer nicht. Listen lassen sich ebenfalls nicht erstellen. Den Account den eigenen ästhetischen und inhaltlichen Vorstellungen gemäß einheitlich zu kuratieren funktioniert auch nicht. Denn es gibt keine Account Timeline oder Chronik. Statt dessen stehen Posts, Replys und Reposts in unverbundenen Rubriken nebeneinander. Hauptsache man postet irgendwas und folgt irgendwie. Der Trend geht zum Schwarm und zum Anpreisen und Abnicken einzelner Angebote. TikTok macht es vor. Nicht umsonst sind dort Kommentare auf 200 Zeichen begrenzt, während die Caption 2.200 Zeichen haben kann, bei bis zu 10 Min. Video.
Die Microbloggingszene ist jetzt dauerhaft fragmentiert: X, Bluesky, Mastodon, Threads und ich hoffe, dass in der Größenordnung nicht noch mehr kommt. Dass meine Leute und meine Bubbles dadurch auf unterschiedliche Plattformen verteilt sind, statt dass ich alle an einem Ort finde, ist nicht nur nervig. Es raubt auch Zeit und Gelegenheit, die früher den Blick über den Tellerrand oder unerwartete Querverbindungen beinahe wie von selbst ermöglichten. Statt dessen ist nun Verblödung intendiert.
Als Hauptplattform nutze ich zurzeit Bluesky, weil es die größte Schnittmenge von intelligent, witzig und Herzensmenschen hat und politisch halbwegs erträglich ist.
Auf X bin ich hauptsächlich wegen der Politik und weil der Humor handfester ist. Aber ich weiß nicht, was ich dort noch beitragen soll. Zum Rumkaspern sind nicht mehr genügend engere Leute da. Auch politisch ist es in meinem Radius fast nur noch „Preaching to the choir“, wenn ich aufgrund der mittlerweile fehlenden Zwischenstufen nicht relativ schnell beim Bodensatz ankommen will.
Die Perlen des Nordens (um/zu) treffe ich mittlerweile auf Mastodon, wo sie sich häuslich niedergelassen haben; außerdem einige Katholik:innen und Solitäre, die mir sonst fehlen würden. Ich versuche, regelmäßig auf Besuch vorbeizukommen. Darüber hinaus im Fediverse politisch etwas zur Kenntnis zu nehmen, vermeide ich mittlerweile vollständig.
Threads gucke ich mir wie gesagt aus fachlichem Interesse weiter an. Meinen Privataccount habe ich deaktiviert. Auf TikTok habe ich mir den Algorithmus so erzogen, dass er mir Kochrezepte und zwischendurch etwas Lustiges zeigt und mich ansonsten in Ruhe lässt. Dieselben Clips derselben Accounts könnte ich mir nahezu alle auch auf Instagram, teilweise auf YouTube angucken. Im Unterschied zu X versucht Meta, den Trend zu verschiedenen Formaten auf sich zu vereinen, statt die Fliehkräfte zu befeuern.
Wohin die Reise schließlich geht, ist noch nicht klar. Der Weg war im Internet schon immer das Ziel, aber einzelne Abschnitte waren trotzdem irgendwann erkennbar. Zumindest bei Threads und Bluesky bin ich gespannt, was als nächstes passiert. Threads wird sich durch sein Publikum und dessen Content genauer profilieren müssen. Dass Bluesky weiter im Spiel bleibt, ist für mich noch nicht ausgemacht. „Twittern wie früher“ reicht auf Dauer nicht aus. Der nächste Impuls für Mastodon müsste von außen kommen. Von innen halte ich es nicht für beweglich genug, aber vielleicht will es das ja so. Wobei ich mich mit jeder Einschätzung auch irren kann.
Und X? Ach, X. Ich würde mich mittlerweile freuen, wenn dort überhaupt wieder jemand einen ernstzunehmenden Schritt in irgendeine Richtung ginge. Die optimistische Sicht auf (damals noch) Twitter in meinem ersten Post habe ich mittlerweile komplett verloren. Trotzdem kann ich dieses Debakel immer noch nicht fassen. Alles nicht, soviel Dummheit nicht.
Post 1: Meine 0,02 €
Post 2: One Step beyond
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