
Emmylou Harris war auf Abschiedstournee. Nur ein Konzert davon in Deutschland und zwar in Monheim am Rhein. Schon im Advent hatte ich mir eine Karte gekauft. Gestern fuhr ich hin.
Weil ich einzig zum Konzert wollte und am nächsten Tag direkt wieder zurück, ohne einen Vormittagstermin, reiste ich mit leichtem Gepäck. Ich nahm nur meinen Dienstrucksack (1) mit, in den alles reinpasste. Das machte die Reise sehr viel bequemer als sonst und war für mich ein echtes Highlight. Dabei bin ich die komplette Strecke mit dem Nahverkehr gefahren. Das lag daran, dass ich, verbunden mit dem Fernverkehr, warum auch immer, keine durchgehende Fahrkarte kaufen konnte. Während ich mich damit herumärgerte und Ursachenforschung betrieb, merkte ich aber, dass der Regionalverkehr auf dieser Strecke gute Verbindungen vorzuweisen hatte, dazu ausgesprochen günstig. So habe ich nolens volens für meine Buchungsstrategie einiges dazugelernt. Gemütlich mit dem Bus durchs Bergische Land zu zockeln (2), war außerdem nicht schlecht. Auf der Hinfahrt hatten wir nur 10 Min. Verspätung. Auf der Rückfahrt fast eine Stunde. Wenn die Gleise voll sind, ist die Regionalbahn eben das letzte Glied in der Kette. Beim Umsteigen nutzte ich zum ersten Mal eine Behindertentoilette mit dem Euroschlüssel. Sauberkeit, Privatsphäre und alles, was man braucht, ohne Zwischenwände greifbar — es war eine gute Erfahrung.
Im Holiday Inn Express angekommen, schoss ich erstmal das obligatorische Foto des Hotelflurs (3). Clemens, der die Bilder sammelt, würde auch beim Konzert dabei sein. Den Flur abzulichten, war darum dieses Mal etwas Besonderes. Dann richtete ich mich ein und brach nach einer Teepause zum Sightseeing auf. Zuerst spazierte ich zum Ulla-Hahn-Haus, wo ich die Tür des Schuppens (4) fotografierte, in dem sie als junges Mädchen schrieb. Von da aus ging es weiter zum Schelmenturm, in dessen Zufahrt und Torbogen (5) mehrere Pöller standen. Das Museum im Inneren war bereits geschlossen. Ich flanierte weiter und traf vor sechs wieder im Hotel ein. Jetzt schaltete ich den Fernseher an, um mir die Hochrechnungen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt anzusehen. Auch davon habe ich ein Foto gemacht. Doch zeigen will ich es nicht und kommentieren auch nicht.
Um kurz vor sieben ging es los zur Kulturraffinerie, wo das Konzert stattfand. Der Weg dorthin war ein kleines Abenteuer. Erst erwischte ich den falschen Bus. Als ich mit dem richtigen an der richtigen Haltestelle ankam, hielt ein SUV neben mir und fragte nach dem Weg, da nichts ausgeschildert war. Kurzerhand stieg ich mit Navi auf dem Handy ein und fuhr bis zum Parkhaus mit. Auch dort gab es keine Wegweiser. Zusammen mit weiteren umherirrenden Herren landeten wir schließlich auf der Rückseite des Konzertsaals an, wo der Tourbus stand (6). Ich lief um das Gebäude herum, am Eingang vorbei, um noch schnell einen Blick auf den Rhein Richtung Dormagen (7) zu erhaschen. Ohne Flusslandschaft wäre ich nicht wirklich da gewesen.
Trotz dieser kleinen Odyssee erreichte ich den Saal pünktlich eine Viertelstunde vorher. Leider hatte mich die Ordnerin zur falschen Längsseite meiner Sitzreihe geschickt. Gleichzeitig hatte das Konzert schon angefangen. Jim Lauderdale war als Warm up eingeladen, ohne dass es auf der Eintrittskarte stand.
Die Kulturraffienerie K714 ist frisch renoviert wiedereröffnet worden. Überall roch es nach Linoleum und frischem Holz. Mit Harris und Lauderdale wollte man das Ganze nicht nur in Schwung bringen, sondern sich wohl auch auf einem neuen Level etablieren. Akustik, Lage und Räumlichkeiten geben das sicher her. Gleichzeitig war über die genannten Situationen hinaus an vielen Stellen zu merken, dass man für den Umgang mit einem überregionalen, teilweise internationalen Publikum noch nicht aufgestellt ist. Das Foto von der leeren Bühne (8) hat darum Clemens gemacht. Als ich ankam, war ja alles schon im vollen Gange und Aufnahmen nicht mehr erwünscht.
Emmylou Harris erschien schließlich mit einer guten halben Stunde Verspätung. Zwei Stunden sang sie mit ihrer kräftigen, glockenhellen Stimme. Ich hatte Harris noch nie länger am Stück gehört. Ich war erstaunt, wie deutlich ihre Musik dem Bluegrass zuzuordnen ist; die Gospelstücke erinnerten sehr an Ralph Stanley, der, zusammen mit einigen anderen, mehrfach zitiert wurde. Für meine Ohren war es sehr klassischer, konservativer Country, der mir gut gefiel. In den nächsten Wochen werde ich einiges genauer nachhören und nachschlagen. Ein Lied in Erinnerung an Dolly Parton gab es ebenfalls. Nach zwei Stunden war es die einzige Zugabe und stammte aus der gemeinsamen LP von Dolly Parton, Emmylou Harris und Linda Ronstadt, Trio II:
In der kurzen Pause zwischen Lauderdale und Harris traf ich mich mit Clemens und Achilles, einem weiteren Follower von Bluesky, am Mischpult. Wir verabredeten uns im Anschluss an das Konzert auf einen Absacker. Vorher machten wir im Foyer noch ein Shoefi (9). Anschließend fuhren wir in Achilles‘ Auto zum Hotel, denn überall sonst waren die Bürgersteige schon hochgeklappt. Selbst die Bar der Kulturraffinerie war bereits geschlossen. Im Hotel setzten wir uns mit unseren Getränken nach draußen und unterhielten uns weiter über Musik und Konzerte. Clemens und Achilles hatten einen Gesprächsrhythmus, den ich sehr mochte, weil er mich nicht aufkratzte und trotzdem voller anregender Inhalte war. Musik, Kirchengeschichte, Politik, alles in wohldosierten Maßen dabei, obwohl wir uns bisher noch nicht persönlich begegnet waren. Es war also ein Konzert mit anschließendem ‚Twittertreffen‘, wie in den zivilisierten Zeiten. Danke für den schönen Abend!
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen fuhr ich schließlich heim. Seit ich in Monheim angekommen war, wurde ich von allerlei Mitbesucher:innen auf das Konzert angesprochen. Durch das Tourshirt von Bob Dylan von 2022, das ich trug, wurde ich sofort als zugehörig identifiziert. Auch auf der Rückreise war das so. Zum letzten Mal sprach mich eine Frau aus München an. Da waren wir schon in Düsseldorf.
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