
Am Samstag fand wieder das BarCamp Kirche online der rheinischen und der westfälischen Landeskirche in Bonn statt. Knapp 45 Personen kamen bis zum Mittag zusammen, ein Drittel davon Frauen. Insgesamt wurden 14 Sessions angeboten, hier waren Slots von Frauen ebenfalls mit etwa einem Drittel vertreten. Ich habe wieder aufgeschrieben, was ich erlebt habe. Wer mag, lese am Stück oder springe über das Inhaltsverzeichnis in einzelne Abschnitte.
BigBrotherAward für die Nordkirche
Als ich am Vorabend nach Bonn fuhr, schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Denn in Bielefeld, wo ich herkomme, fanden am Freitag Abend die BigBrotherAwards von Digitalcourage e.V. in der Hechelei statt. Den ersten, in der Kategorie Zivilgesellschaft, erhielt ausgerechnet die Nordkirche für die verpflichtende Nutzung von Microsoft in ihren Gemeinden und Diensten. Kritische Anfragen aus den eigenen Reihen wurden im Norden ebenso ignoriert wie die Nachfrage des Laudators Dr. Thilo Weichert im Vorfeld der Verleihung. Auf dem BarCamp Kirche online (#bckirche) machte die Nachricht am Samstag langsam die Runde. Die Reaktion war immer dieselbe: „Warum nur die Nordkirche?“ Aber wer weiß, vielleicht hört Digitalcourage auch einmal bei den anderen Landeskirchen nach.
Nutzung von KI in den Kirchen
Auf dem BarCamp war KI das große Thema. Zuerst im Allgemeinen mit einer Keynote, die Prof. Dr. Holger Sievert schon fast traditionell als erste Session hielt. Wieder hatte er eine Studie dabei, für die er diesmal über 7.000 evangelische und katholische Menschen befragt hatte, die beruflich, im Pfarrdienst und/oder als Gemeindeglieder in ihren Kirchen unterwegs sind. Dabei kam heraus, dass Kirche, die die Nutzung von KI vor drei Jahren nahezu noch verschlafen hatte, mittlerweile ordentlich aufholt — im Schnitt sogar etwas mehr als die Gesamtbevölkerung. „Das liegt an der Milieu- und Sozialzusammensetzung vor allem der Mitglieder (sic!) in den Kirchen“, stellte Sievert dazu fest. Entsprechung hoch sind die ethischen Ansprüche und die fachlichen Anforderungen, die die kirchlichen User:innen an KI stellen. Nur fehlt es an Konzepten und damit an Know how, das auch umzusetzen. Willkür ist oftmals entscheidender als Strategie, so Sievert.
Nicht selten wandert KI darum in eine Art Schattenreich ab, wo sie „heimlich“ genutzt wird. Mitarbeiter:innen ohne KI im Büro schicken sich Mails mit dienstlichen Dateien nach Hause, um sie dort mit KI zu bearbeiten. Mehrere Pfarrpersonen schrieben in den Umfragebogen, dass die KI mittlerweile öfter auch die Predigt erstelle, damit man Zeit für Wichtigeres (!) habe. Und so manches bekümmerte Schäflein fragt im Stillen erstmal die KI, was es gegen seine Sorgen tun könne. Eine weitere Session im Lauf des Tages beschäftigte sich folglich damit, wie KI auch „offiziell“ in der Seelsorge helfen würde.
KI als liturgisches Instrument
In den letzten Jahren ging es auf dem BarCamp Kirche online darum zu verstehen, was KI eigentlich ist und kann. Oftmals endete die daran anschließende Diskussion an den beiden Polen „alles“ oder „gar nichts“, fachliche Begeisterung und dystopisches Schaudern inklusive. Mittlerweile hat sich das zu einer pragmatischen Haltung weiterentwickelt. Obwohl immer noch zu selten, wie von Sievert bemerkt, werden erste Strategien auf gesamtkirchlicher Ebene entwickelt. Oberkirchenrat Max Niessner stellte mit „LiturgAI“ eine KI-Assistenz für die Gottesdienstvorbereitung vor, die gerade im Rahmen einer Machbarkeitsstudie (Proof of Concept) von der EKD in Zusammenarbeit mit der Firma Explicatis erprobt wird. Auf einer Maske mit der Überschrift „Dein liturgischer Arbeitsplatz“ können Gottesdienste und Andachten erstellt werden. Das Programm nimmt dabei auf verschiedenste Aspekte Rücksicht: Der Bekenntnisstand ist ebenso wichtig wie die gottesdienstliche Beauftragung. Wer Lektor:in für Lesepredigten ist, hat einen anderen fachlichen Hintergrund als eine Pfarrperson. Auch Zielgruppen können in den Blick genommen werden. Niessner führte dies anhand von Andachten für die Einweihung eines Feuerwehrautos sowie für einen Grillabend vor, deren Gebete er einmal für Jugendliche und einmal in leichter Sprache erstellen ließ. Außerdem soll es möglich sein, eigene Abläufe und Gottesdienstbausteine abzuspeichern, um alles benötigte auf einer Plattform zusammenzubringen. Die Maske lässt sich auf eine Leseansicht umstellen, die man auf dem iPad gleich mit an den Altar nehmen kann.
Nach wie vor machen Urheberrechte das Anfüttern von LiturgAI schwer. Für Gebete und neuere gottesdienstliche Texte mag das verständlich sein. Aber dass selbst liturgische Abläufe, die oftmals historisch gewachsen sind, nicht zu den öffentlichen Gütern gehören, ist schon erstaunlich. Glücklicherweise kann LiturgAI die Pfälzer Agende für ihre Zwecke nutzen. Ansonsten greift sie bisher auf älteres und urheberrechtsfreies Material zurück.
KI als Sparringspartnerin
Konkret blieb es auch bei Daniela Bubel, Privatfunkbeauftragte der Ev. Kirche für das Saarland. Sie zeigte, wie man KI zu seiner Sparringspartnerin machen kann. Denn Texte schreiben möchten die Meisten immer noch gerne selbst. Aber manchmal fehlt ein kurzer Satz, der das Thema ins Rollen bringt oder jemand, der kritisch Korrektur liest und die Frage stellt, an die man nicht gedacht hat. Bubel brachte dafür zwei Ideen mit. Nämlich der KI nicht einfach nur den eigenen Text vorzulegen, damit sie ihn irgendwie Korrektur liest. Sondern man soll ihr zusammen mit dem Text eine konkrete Rolle zuweisen und wo es passt, um mehrere Vorschläge bitten. Das machte sie an Themen wie Zielgruppen, Interviews und Selbstkontrolle vor:

Für diese Methode, die Bubels Kolleg:innen ebenfalls nutzen, verwendet sie eine herkömmliche KI ohne Bezahlvariante. Auch in der anschließenden Diskussion unter den Teilgeber:innen der Session schälte sich kein bevorzugtes KI-System heraus.
Wie es weitergeht mit Social Media
Gavin Karlmeier hielt zu diesem Thema die zweite große Keynote des Tages: „Soziale Netzwerke sind tot. Es leben die Sozialen Medien.“ Los ging es mit dem Internet von vor zehn Jahren: Foodporn, Facebook und Befindlichkeiten. Davon ist heute kaum noch etwas übrig geblieben. Viele Leute posten gar nichts mehr. Warum auch? Erst kamen die Eltern ins Internet und lasen mit, dann der Chef und schließlich sorgte der Algorithmus dafür, dass die Reichweite im eigenen Netzwerk abnahm. Mark Zuckerberg teilte Social in drei Epochen ein: Zuerst ging es um Leute, die wir kennen (Familie, Freundschaften), dann um Entertainment und Creator:innen, während wir jetzt bei KI und synthetischem Content angekommen sind. Viele nutzen Reels wie Fernsehen, während der Algorithmus Mühe hat, weil er so viel Material gar nicht mehr liefern kann, wenn immer weniger posten. Selbst Likes dienen nicht mehr dazu, einen Gruß oder ein Lob zu hinterlassen, sondern um den Algorithmus zu erziehen. „95 % der Reels werden heute von Non-Followers gesehen. Inhalte entstehen für den Wurm, nicht mehr für den Fisch“, fasste Karlmeier zusammen. Das Spiel nicht mitzuspielen, funktioniere nur bedingt, fuhr er fort. Ein Instagram-Account mit kleiner Zielgruppe hat fast keine Chance mehr. Bei anderen wiederum entspricht die adressierte Zielgruppe gar nicht der Realität. Wer ahnt schon, wie alt die Hörerschaft von 1LIVE wirklich ist? „Wenn du genau weißt, wer deine Zielgruppe ist, schick einen Newsletter“, rief Karlmeier. „Und im Internet lass alles weg, was dich glattpoliert.“ Abheben soll man sich also immer noch. Das führte zu einer Diskussion über Authentizität oder doch Rolle oder eher Individualität? Wie auch immer konnte Karlmeier keine allgemeingültigen Lösungen anbieten und verabschiedete sich so lakonisch wie wahrheitsgemäß: „Ich hoffe, es hat euch ein bisschen Spaß gemacht und wenn nicht, ist es jetzt auch zu spät.“
Und sonst?
Leider konnte ich nicht zu allen Sessions gehen. Dabei wäre ein Workshop zu Website-Gestaltung, Fediverse oder wie man Internetmuffel vor die Kamera kriegt, sicher ebenfalls interessant gewesen. Schön zu sehen ist jedesmal die Aufmerksamkeit, die die Veranstalter:innen den Rückmeldungen der Teilgeber:innen entgegenbringen. Wie letztes Jahr von mir erhofft waren mehr Katholik:innen da, wurden also auch eingeladen und angesprochen. Außerdem gab es eine Pinnwand, wo man klassische Flyer und Plakate aufhängen konnte, die in der Vernetzung immer noch eine wichtige Rolle spielen. Obwohl der Alltag „nach Corona“ wieder zurückgekehrt ist, kann man sich im Bonner Haus der Evangelischen Kirche weiterhin an mehreren Stellen die Hände desinfizieren. Denn nach wie vor sind viele Menschen infektanfällig oder haben Familienangehörige zu Hause, die einen Schnupfen nicht so einfach wegstecken. Das konnte man in den letzten Jahren lernen. Dass Teilgeber:innen merklich erkältet ohne Maske auf dem BarCamp herumliefen, hätte darum nicht sein müssen. Hier würde ich mir künftig Hinweise des Teams und ein paar ausgelegte Masken wünschen.
Präsentationen und neuer Termin
Die Präsentationen sollen in den nächsten Tagen auf der Website des BarCamps gesammelt werden. Wo nicht, können sie über Ralf-Peter (@ralpe) oder direkt bei den Referent:innen angefragt werden. Der nächste Termin steht auch schon fest: Samstag, 25. September 2027. Ich freue mich auf mehr.
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