Lesen und Essen

Eigentlich hatte ja alles im Frühjahr beim Grillen angefangen, gelb.jpgdoch dann war so viel zu tun, dass ich Wolf Lotters knallgelbes Buch „Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“ erst jetzt beim Urlaubsfrühstück zu Ende las. Geschrieben hatte er es, um darüber nachzudenken, wie wir von der Industriegesellschaft und ihren Problemlösungs- und Organisationsstrategien zur Wissensgesellschaft gelangen. Natürlich nicht einfach so, sondern mit Absicht: „Jeder Fortschritt besteht aber in Verbesserungen und nicht allein im Anspruch darauf, etwas ‚anders‘ zu machen. Das ist kein Wert an sich.“ Wie Lotter sich das vorstellt, leitet er historisch, oft von verblüffenden Beispielen und im Einst-Jetzt-Schema, z.B. unterschiedlicher Innovatorentypen, ab. Auf die Idee, Differenzierung und Motivation anhand der Speisegewohnheiten von Veganern zu erklären, muss man erst einmal kommen. Dass Innovation keine Aufgabe der Jungen ist, sondern als Anspruch in jedem Alter und Erfahrungshintergrund gilt, traf bei mir einen wunden Punkt, um so mehr fühlte ich mich von Lotters Buch zum Denken eingeladen. Dabei fiel es mir beim Lesen zunehmend schwer, mich zu konzentrieren, immer wieder schweiften die Gedanken Richtung Kirche und Gemeindeaufbau ab, bis ich irgendwann verstand warum. Schon länger hatte ich mich gefragt, was es eigentlich bringt, diese ganzen Bücher zu betrachten, Diskussionen zu führen und Panels zu besuchen. Was bleibt hängen, wenn danach das Leben weitergeht? Die Antwort darauf konnte ich mir bei der Lektüre dieses Buches geben: Immer wieder verknüpfte ich Lotters Thesen mit meinem kirchlichen Erleben und Arbeiten. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, bei dem ich so wenig behalten und trotzdem so viel verstanden habe. Das hat mich gleich mehrere Schritte weitergebracht. Ich finde das super und die Kirche, nun ja…

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Bücher 1/2 mit Stefan, Floridi und Luthers Essen

Belletristik ist bei mir im Augenblick nicht so dran, das macht aber nichts, ich fühle mich trotzdem bestens unterhalten, horizonterweitert, beglückt; wofür man Lesen eben so braucht. Einiges ist noch in der Mache, außerdem soll der Post nicht zu lang werden, darum in zwei Etappen, hier der erste Schwung:

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„52 Runden. 52 Interviews.“ Von Stefan Ludwig ist das erste Buch, über das ich berichten möchte. Stefan (ich kenne ihn bald 15 Jahre) ist sicher einer der optimistischsten und freundlichsten Menschen, die es gibt. Er ist in der Kulturszene und im Eventmanagement zu Hause wie nur wenige und dort zwei Mal mit eigenen Projekten pleite gegangen. Das ist so krass, dass er selbst fand, er könnte mit 38 Jahren eigentlich seine Biographie schreiben. Doch das journalistische Handwerk liegt ihm mehr. Also machte Stefan es anders und lud sich über das Jahr 52 InterviewpartnerInnen ein, die mit ihm um den Dortmunder Phoenixsee gingen und sich dabei unterhielten: Ein Taxifahrer, eine tierschutzaktive Buchhalterin oder ein Beamter bis hin zu so illustren Leuten wie Lioba Albus, Fritz Eckenga und Sascha Grammel.

52Runden – Januar 2016 from Stefan Ludwig on Vimeo.

Der Clou ist außerdem, dass nicht nur Stefan seinen Interviewpartnern Fragen stellte, sondern sie ihn ebenfalls fragen durften. So entstanden nicht nur richtige Gespräche, sondern man erfährt oft mehr über jemanden, wenn er selbst anfängt zu fragen, als wenn er nur antworten muss. Stefan sagt, er macht mit den Interviews und den Spaziergängen weiter. Dann geht vielleicht auch beim Lektorat noch etwas mehr. Bis dahin freue ich mich über dieses großartige Buch, so liebenswürdig wie sein Autor, witzig, tiefsinnig und mit einer Menge Dortmunder Lokalkolorit.

Stefan Ludwig: 52 Runden. 52 Interviews, Dortmund 2016

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