Das stARTcamp im Dortmunder U

Ich habe letztes Wochenende das stARTcamp Ruhr York im Dortmunder U besucht, das dort faktisch auf drei Stockwerken lief. Los ging es am Samstag, dem Tag des Bieres, in der sechsten Etage: Ein Bootcamp, inklusive Einführung ins Bierbrauen, inmitten der Ausstellung Neugold.

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Das klingt spannend bis chaotisch und anfänglich war es das auch. Denn es sind mehr Leute zum Bootcamp gekommen als erwartet und die Ausstellung war ebenfalls proppevoll. Akustisch ging da nichts mehr, es gab zudem kein Mikro. So habe ich von den Vorträgen nichts mitbekommen, von der Ausstellung auch nicht, war aber trotzdem die ganze Zeit reizüberflutet. Das lag auch daran, dass die Begrüßung ziemlich weitschweifig war, was es mir zusätzlich schwer gemacht hat, den Einstieg, die Getränke, das Treppenhaus, das Klo zu finden. Hier wären ein paar klare Ansagen besser gewesen.

Andererseits war es das schon an Kritikpunkten. Nachdem die Vorträge rum waren, wurde es nämlich richtig klasse.

Wir haben Gruppenarbeit gemacht wie damals im PR-Studium:
„Entwickelt ein Mobil-Only-Konzept für einen Event eurer Wahl. Ihr habt zwei Stunden Zeit und zehn Minuten für die Präsentation.“ Die Gruppen durften sich über die ganze Ausstellung verteilen. Unser Team saß inmitten einer Installation deutscher Gemütlichkeit (Schrankwand, Sofa, TV und Bier). Der „Event“ wurde von einer Teilgeberin eingebracht, die Regisseurin und Inhaberin des Theaters der leere raum in Essen ist.

Ich mag die interdisziplinäre Atmosphäre auf BarCamps ja sehr. Das Arbeiten mitten in einer Ausstellung hat mich zusätzlich beflügelt: Freiheit, Kreativität, Platz zum Atmen. Auch am Sonntag in der zweiten Etage waren wir von Kunstwerken umgeben, manche kaum zur Hälfte aufgebaut. Großartig!

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Dieser Tag war als klassisches BarCamp angelegt. Die Themen kreisten überwiegend um Storytelling sowie analoge und digitale Erlebnisräume. Dabei sollte das Eine nicht das Andere ersetzen, sondern es ging um das Zusammenspiel der Elemente.
Ich bot eine Session über die #twomplet an, das Abendgebet auf Twitter [Material]. Überhaupt waren viele haupt- und ehrenamtliche ChristInnen da und eine berufsjüdische Goi, das fand ich bemerkenswert.

Mitgenommen habe ich bei diesem Camp vor allem politische Überlegungen: Die Übergänge von Arbeiten, Lernen und Freizeit sind während eines BarCamps fließend, unterschiedliche Generationen reden auf Augenhöhe miteinander, es gibt keine Repressionen, z.B. durch Teilnahmezwänge, und Wirtschaftsunternehmen sind nicht automatisch der Feind.

Der wichtigere Ertrag der Gruppenarbeit war daher für mich nicht der Maßnahmenkatalog, sondern wie sieben Leute aus unterschiedlichen Berufen einübten, zwei Stunden ergebnisorientiert an einem Thema zusammenzuarbeiten. Habermas lässt grüßen.

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Dennoch steckt der Teufel im Detail: Als wir eine Story entwerfen wollten, um langweiliges Büromaterial zu verkaufen und das Wort „Pseudonutzen“ fiel, wurde mir schon etwas schwummerig, zumal ich gerade erst das Buch Fairarscht von Sina Trinkwalder gelesen hatte. Es ist kein Geheimnis, dass man in der Regel nicht das Produkt, sondern dessen Image (und damit das eigene Selbstbild) kauft, das war mit dem Begriff „Pseudonutzen“ gemeint. Aber wie viel davon darf es sein? Ist CSR mit der falschen Gesinnung keine mehr oder erst ab einem gewissen Prozentsatz?
Mir haben sie kürzlich in einem Tierladen ein billiges Katzenstreu aus dem Discounter als qualitativ bessere „Hausmarke“ angedreht. Ich habe das beim Aufreißen der Packung sofort durchschaut, zu viel PR-Erfahrung, zu viele Katzenklos.
Und jetzt?

Schwierig am Storytelling ist außerdem, dass die Leute ihren eigenen Geschichten nicht mehr glauben. Auch deswegen müssen sie diese Methode (wieder) lernen, das war häufig zu merken. Für mich als Pfarrerin ist die Wirkung, bis hin zur Heilsamkeit von Geschichten eine Selbstverständlichkeit, denn das ist mit Mythos, Ritual und Tradition gemeint. Das söhnt mich auch mit dem Image von Marken aus – mit dem Mechanismus, nicht mit jedwedem Produkt: Es geht um das Bild, das in meinem Kopf entsteht und was daraus folgt.

Trotzdem fängt die Fragerei von vorne an: In der Predigttheorie ist Kopfkino natürlich auch bekannt, aber man soll sich doch kein Bildnis machen. Was ist mit dem Bild hinter dem Bild, frei nach Paulus oder Platon? Wer sieht eigentlich das Herz an? Und was machen wir mit den ganzen Menschen, die nicht mehr wissen, wozu Geschichten gut sind?

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Schließlich gab es noch eine Ausstellung, die wir im dritten Stockwerk besuchten, so richtig mit Führung: „Whistleblower & Vigilanten. Figuren des digitalen Widerstandes.“ Das ist natürlich wie für ein BarCamp gemacht. Aber auch darüber hinaus kann ich diese kleine und beeindruckende Ausstellung empfehlen! Sie läuft noch bis zum 14. August. „Fließender Übergang zwischen Verschwörungstheorien und Aktionen durch Whistleblower, zwischen Lust am Hacken und Politik.“ So habe ich Sonntag direkt von dort getwittert.

Es gibt viel zu überlegen.

Die Bibelzitate, die einem beim Lesen einfallen könnten, stehen in Ex 20,4 bzw. Dtn 5,8; I Kor 13,12 und I Sam 16,7.
Die wichtigsten Sachen habe ich im Text verlinkt und die Bilder sind von mir.