Irgendwo ist nirgendwo

Kürzlich hatte ich über Trauungen gebloggt und was mir da so auffällt.vytsxdcorlk5taswi0p1bq_thumb_985 Das ist gut angekommen, darum mache ich mit dem Thema Amtshandlungen noch ein bisschen weiter. Diesesmal schaue ich mir die Bestattungen an. Das passt auch gut zur kirchlichen Jahreszeit, denn am Wochenende ist Ewigkeitssonntag, da gedenkt man in der evangelischen Kirche der Verstorbenen.

Wobei eine wachsende Zahl von Leuten meint, dass es für das Gedenken, Erinnern oder Trauern unwichtig wäre, wo der Verstorbene läge. „Ich trage ihn in meinem Herzen“, wird dann gerne gesagt. Nur, in vielen Fällen funktioniert das nicht, jedenfalls nicht ausschließlich. Friedhöfe und Bestattungsunternehmen rücken daher, soweit ich das überblicken kann, möglichst von gänzlich anonymen Beerdigungen ab und bieten sogenannte „teilanonyme Bestattungen“ an. Bei denen ist zumindest das Gräberfeld, oft eine Rasenfläche, überschaubar einzugrenzen oder an einer oder mehreren Stellen sind die Namen der Toten verzeichnet.

Dass es so besser ist, hat sich durch die Erfahrungen gezeigt, die die für Beerdigungen Zuständigen mit völlig anonymen Bestattungen in den letzten Jahren gemacht haben. Da wird die Verstorbene plötzlich doch gesucht, Pfarrerin oder Friedhofsgärtnerin werden befragt, ob sie nicht wüssten, an welchem Ort eine bestimmte Urne zu finden sei.

Offensichtlicher ist, wenn die betreffenden Stellen auf einer eigentlich schlichten Rasenfläche mit Blumensträußen, Gestecken, Kerzen und kleinen Geschenken geschmückt werden, obwohl man sich im Vorfeld sicher war, dergleichen nicht zu benötigen. Das ist dann auch für den Friedhofsbetreiber schwierig, denn wenn das Urnenrasenfeld gemäht werden soll, müssen Blumen und Kerzen abgeräumt und am besten hinterher zurückgetragen werden. Das ist in den Kosten für ein anonymes Urnengrab nicht vorgesehen und damit auch nicht in den Dienstzeiten der Friedhofsmitarbeiter. Aber wenn so ein Rasenfeld voll davon steht, läppern sich die Arbeitsstunden schnell und das Konfliktpotential auch. Plötzlich ist es der Friedhof, dem vorgeworfen wird, ihn würden das Andenken der Verstorbenen und die Bedürfnisse der Angehörigen nicht kümmern.

Auf immer mehr Friedhöfen gibt es darum teilanonyme Grabanlagen mit einer zentralen Stelle, an der Blumen und Kerzen hingestellt werden können, während die Gräberflächen frei bleiben. Trotzdem kommt nicht jeder Friedhof ohne Hinweis- oder Verbotsschilder aus. „Irgendwo ist nirgendwo“, fasste eine Friedhofskampagne gegen anonyme Beisetzungen das Thema einmal treffend zusammen. Angehörigen, die jemanden im Streit bestatten, leuchtet das interessanterweise sofort ein, wenn sie einen Verstorbenen und den gemeinsamen Konflikt unversöhnt, aber mit Anstand zur Ruhe betten wollen. Auch das Leid um die Vermissten der Nazizeit ist nicht alleine dem Krieg und der Schoah geschuldet. Der Mensch ist offenbar so beschaffen, dass er wissen muss, wo seine Toten liegen, unabhängig von der Religion und dem, was zu Lebzeiten geschah.

Als Alternative zur Bestattung auf dem Friedhof häuft sich in meinem Umfeld die Beisetzung unter einem Baum im Wald, in einem sogenannten Ruheforst. Ich tue mich damit schwer, wenn dort für mich als Pfarrerin ein schlechtes Arbeitsumfeld herrscht, keine vernünftige Umkleide, Toilette und Trauerhalle. Theologische Bedenken habe ich nicht. Das Problem liegt anderswo: Das Grab befindet sich abseits des Weges, ein kleines oder größeres Stück in den Wald hinein. Das ist schön und erschließt sich sofort in seiner Würde, doch geht man dorthin über Wurzelwerk und im Herbst über nasses, rutschiges Laub. Solange man gut zu Fuß ist, macht das nichts aus. Doch ist man weniger beweglich, wird es schwierig, braucht man einen Rollator oder einen Rollstuhl, ist es mit dem Besuch am Grab ganz vorbei.

Ich weiß, dass selbst eine schlichte Beerdigung sehr teuer ist und ich bin unbedingt dafür, dass Gräber zeitgemäß gestaltet werden. Aber ich würde mich nicht (und habe es bei eigenen Trauerfällen tatsächlich nicht) ohne Beratung durch Friedhofsverwaltung, -gärtner oder Bestatter_in für eine Grabform entscheiden. Die meisten Friedhöfe bieten mittlerweile schöne und gelungene Alternativen zum klassischen Reihen- oder Urnengrab an und auch zu den mehr oder weniger anonymen Bestattungsformen, da hat sich in den letzten Jahren eine Menge getan. Das wissen viele Leute nicht, weil sie mit Beerdigungen gottlob nicht oft zu tun haben. Aber die Profis wissen es und beraten wirklich gern. Nahezu immer entpuppt sich dabei, dass mit dem Wunsch nach „anonymer Beisetzung“ eigentlich ein Grab ohne späteren Pflegeaufwand gemeint war.

Das Beraten ist auch ein wichtiger Bestandteil des Trauergesprächs. Mir liegt daran, dass die Trauerfeier so gestaltet wird, dass sie den Bedürfnissen der Hinterbliebenen (darin die Wünsche des Verstorbenen) entspricht und geistlich angemessen ist, was aber noch nie Schwierigkeiten bereitet hat. Hier, wie schon bei der Trauung, fällt auf, dass das Wissen um die Traditionen immer weiter verloren geht und durch das ersetzt wird, was man im Fernsehen sieht.

Das sind bei Trauerfeiern in der Regel nicht die rituellen Abläufe, sondern die Momente, die besonders zu Herzen gehen, wie das gemeinsame Lieblingslied oder das des Verstorbenen, das man auf Erden noch ein letztes Mal miteinander hören möchte. Wenn ich der Familie dann sage, dass das nicht wie im Fernsehen ist, sondern dass sie wirklich da sitzen, vor sich den Sarg oder die Urne, hinter sich die Trauergemeinde, während der CD-Player bis zum Ende des Songs läuft, scheuen die Meisten schnell zurück, weil sie das nicht bedacht hatten; mein Vorschlag für die Zögernden, versuchsweise im Trauergespräch ein paar Takte anzuhören, reicht als Entscheidungshilfe in der Regel aus. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten: Ich kann eine Strophe aus dem Liedtext vorlesen oder eine Geschichte aus dem Leben des Verstorbenen erzählen, in der das Stück von Bedeutung war. Bisher haben wir immer solche und andere Lösungen gefunden. Und wenn ein Lied trotzdem gewünscht wurde, haben wir es auch gespielt und es war jedes Mal richtig so. Nur anonym bestatten, das sollte man nicht.

Ein Kommentar zu “Irgendwo ist nirgendwo

  1. das ist so voller würde und klarheit geschrieben – danke! ich musste mir bisher nie gedanken darüber machen, aber es wird irgendwann wohl kommen und dann habe ich hier gute gedanken dazu gefunden.

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