Gott und ich

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig,
wie auch euer Vater barmherzig ist!

Lk 6,36

Von guten Mächten treu und still umgeben, 
behütet und getröstet wunderbar, 
so will ich diese Tage mit euch leben 
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Dietrich Bonhoeffer

An Weihnachten singen wir „O du fröhliche“ und zum Jahreswechsel „Von guten Mächten“. Zumindest kenne ich das so und habe die Lieder im Ohr und auf den Lippen, auch wenn die Gottesdienste nicht stattfinden konnten. Denn die Gesänge haben etwas Tröstliches. Mit dem letzten Ton von „O du fröhliche“ hat Weihnachten wirklich angefangen; mit „behütet und getröstet wunderbar“ werden wir an Silvester über die Schwelle ins neue Jahr geleitet.

Und das Alles mit Mundschutz oder Mund-Nasen-Schutz, die Nase muss ja mit drunter – fast das ganze vergangene Jahr über und das nächste vermutlich auch. Mittlerweile haben die ersten Impfungen stattgefunden, aber wir sind ein großes Land. Es wird Monate dauern, bis so viele geimpft sind, dass der Impfschutz anfängt zu greifen. 

Mich hat begeistert, wie Forschung und Fachleute in so kurzer Zeit einen Impfstoff entwickeln konnten. Aber ich muss zugeben, dass ich mittlerweile auch ungeduldig werde. Bis auf eine Ausnahme habe ich aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis im letzten Jahr niemanden gesehen und wenn ich meine Familie im neuen Jahr besuche, muss ich abends wieder heim fahren, weil die Hotels geschlossen sind. Ich gebe mir Mühe, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, um oft genug Menschen zu sehen, denen sie ganz egal zu sein scheinen. 

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, steht im Lukasevangelium. Dieser Vers wurde als Jahreslosung ausgewählt, damit er uns im kommenden Jahr begleitet. 

Barmherzig soll ich also sein und das bei meiner Ungeduld! Barmherzig mit Menschen, denen wegen Corona die Puste genauso ausgeht wie mir oder die schon immer anstrengend waren. 

Mit Freunden und Familienmitgliedern, die ich eigentlich lieb habe, bei denen ich aber trotzdem genervt bin, weil ich sie durch den Lockdown zu viel oder (wie bei mir) zu wenig sehe. Barmherzig im Beruf, wo dauernd alles vor- und zurückgeht, je nach dem wie die Regeln gerade sind. Und nicht zuletzt barmherzig auch mit mir selbst: Meiner Ungeduld, meinen Ansprüchen und meiner Sehnsucht nach ein bisschen Normalität.

„Seid barmherzig!“ Ich habe mir überlegt, wie ich das anstellen könnte, damit es mir besser gelingt. Ich habe mir ein Päckchen Streichhölzer besorgt. Wenn mir die Barmherzigkeit verloren geht oder ich sie gerade nur schlecht finden kann, könnte ich ein Streichholz anzünden. Dann geht mir vielleicht ein Licht auf oder die Ungeduld verraucht beim Abbrennen. 

Doch das ist es nicht allein, der Vers hat noch eine zweite Hälfte: „Seid barmherzig… wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Ich habe gerade auf das geschaut, was ich geben kann und nach dem Vorbild Jesu geben sollte. Doch das ist nur der eine Teil. Da gibt es auch eine andere Seite, nach der ich etwas bekomme: Die Barmherzigkeit Gottes gilt auch für mich. Nicht nur für die Anderen, ich bin auch dran, für mich allein: Gott und ich.

Von diesen Momenten werde ich vermutlich viele brauchen. Die Ungeduld ist eine Sache, aber da ist ja noch mehr. An Gefühlen, Aufgaben, Verpflichtungen, Sehnsüchten und Leiden. Gott als barmherziger Vater, wärmend und tröstend, beruhigend und Halt gebend. So stelle ich mir das vor und manchmal meine ich das auch zu fühlen.

Aber wie ist es, wenn das Vertrauen darauf zu weit entfernt scheint? Was könnte mich erinnern, wie könnte ich zurückfinden? Ich glaube, ein Stück Schokolade könnte mir helfen oder wenn keine da ist, eine Tasse Tee oder eine Blume. Auf jeden Fall etwas, das ich schnell griffbereit habe, das ich fühlen und anfassen kann, um mich zu versichern: Die Barmherzigkeit Gottes gilt auch für mich. Gott und ich. 

Nach einem verglimmendem Streichholz, einem Stückchen Schokolade oder einer Tasse Tee kann es dann weitergehen. Mit etwas mehr Barmherzigkeit – für die Anderen, für mich oder für beide.

Wenn ich mich erinnert habe, dass Gott mit mir geht. In den letzten Stunden des Jahres, über die Schwelle ins neue und „ganz gewiss an jedem neuen Tag“.

Damit wir die Vergänglichkeit allen Lebens bedenken
und die Ewigkeit Gottes erahnen,
damit wir die Last des alten Jahres ablegen
und seine guten Erfahrungen behalten, 
damit wir die Ungewissheiten des neuen Jahres ertragen
und Gottes Verheißungen seiner Nähe annehmen, 
dazu segne uns Gott,
allmächtig in seiner Barmherzigkeit,
Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

Schlussvers: Dietrich Bonhoeffer,
Segen: Nach Ernst Scheibe 

Meditation für die hiesige Offene Kirche zum Mitnehmen