
Vor ungefähr 30 Jahren wurde ein Buch wie eine Flüsterparole weitergereicht. Es wäre ein Buch über Nazis, natürlich dagegen, das wurde erst gar nicht dazugesagt. Doch man könnte es gut lesen, hieß es. Es wäre sogar der absolute Hammer. Man gab sich das Buch gegenseitig weiter. Keiner wusste, wo es herkam, aber jeder wollte es haben. Leute sprachen einander an: „Hast du es schon bekommen?“ Je nachdem, wie die Antwort lautete, konnte man ungefähr sehen, wo es gerade kursierte und sich ausrechnen, ob man eine Chance hatte, es zu kriegen.
Irgendwann hat es endlich jemand an mich verliehen. Ich weiß nicht mehr, wer es war. Ich las es in einem Rutsch. Das ging relativ schnell, denn es ist ein Briefroman und umfasst ohne Nachworte nur 58 Seiten, großzügig bedruckt. Doch der kurze Text reichte aus, um mich entgeistert zurückzulassen. Ich erbat mir darum, auch wegen der Umstände, es zumindest einer Freundin weiterverleihen zu dürfen.
So brachte ich es der schönen Buchhändlerin mit, die zu der Zeit in dem Häuschen mit dem Goethezimmer wohnte. Ich überreichte es ihr samt den Fragen, die mich begleiteten: Was ist das für ein Geheimbuch? Wie findest du es? Und warum fällt mir das richtige Wort für meine Gefühle nicht ein?

Die schöne Buchhändlerin klappte es auf und sah mit strengem Blick durch ihre Brille erst einmal das Impressum an. Ich mochte es sehr, wenn sie so guckte. Aber das durfte ich ihr nicht sagen, sie kam sich dann immer wie Fräulein Rottenmeier vor. Warum das Buch unter der Hand weitergegeben wurde, war jedenfalls nicht zu klären. Man hätte es laut Verlagsangaben in jedem Buchladen bestellen können. Hier verlässt mich die Erinnerung wieder, bis die schöne Buchhändlerin es schließlich gelesen hatte und sich jubelnd meldete: „Genugtuung! Ich habe es mit Genugtuung gelesen!“ Was meine beiden anderen Fragen beantwortete.
Irgendwann verschwand der Roman aus meinem Horizont und auch die Freundschaft mit der schönen Buchhändlerin verlor sich. Das Buch von Kressmann Taylor, „Adressat unbekannt“, erschien zum ersten Mal 1938. Es wurde 1995 in den USA neu aufgelegt, auf Deutsch im Jahr 2000, übersetzt von Dorothee Böhm. Da war ich dreißig Jahre alt. Der Kontakt mit der schönen Buchhändlerin endete erst fünf Jahre später.
Seit einigen Monaten kursiert das Buch wieder, diesmal im Internet. Nicht mehr als Geheimtipp, aber immer noch als besondere Empfehlung. Die Genugtuung, die wir beide über die darin geschilderten Ereignisse spürten und für die die schöne Buchhändlerin das richtige Wort fand, ist nach erneuter Lektüre beklommenem Entsetzen gewichen. Aber in meiner Erinnerung ist die Faszination des ersten Lesens immer noch da und die schöne Buchhändlerin auch.
Entdecke mehr von Pressepfarrerin
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
@blog Ich habe es letztes Jahr gelesen, vermutlich auf Empfehlung aus meinem Netzwerk hier.
"Beklommenes Entsetzen" trifft es ganz genau. (Dieses Buch ist so dermaßen auf den Punkt. Ein Meisterinnenwerk.)