Ich ess‘ Suppe

Im Allgemeinen habe ich ja nichts dagegen, dass Luther, angeregt durch die Lektüre des Römerbriefs, das Leistungsprinzip im Glauben abgeschafft hat. Außer wenn ich Zahnschmerzen habe. Dann hadere ich mit Gott: Ich habe eine dicke Backe, obwohl ich meinen Teller leer gegessen/vor dem Essen gebetet/meine Arbeit gemacht habe? Pah, wenn Jesus mir nicht helfen will,
muss es eben ein Zahnarzt tun.

Aber auch der hatte drei Überraschungen für mich parat:

  1. Ich bin der Neue, Ihr alter Zahnarzt ist weggezogen.
  2. Den Backenzahn müssen wir leider ziehen.
  3. Bevor wir das machen können, nehmen Sie bitte diese Wagenladung Antibiotika ein.

Er hat den Zahn dann noch geröntgt und als selbst ich als Zahnarzt-Laiin das Problem einfach nicht übersehen sofort erkennen konnte, fügte ich mich in das Unvermeidliche, machte einen Termin zur „Extraktion“, charterte zwei Maultiere und karrte die Antibiotika nach Hause.

Soweit, so unspektakulär – wäre da nicht dieser neue Zahnarzt. Ich schwöre, so einen Zahnarzt hatte ich noch nie! Er sieht nämlich gar nicht wie ein Zahnarzt aus. Eher wie ein Pianist oder Geiger, der – nach seinem Lieblingskomponisten gefragt – mit einem ätherischen Seufzer „Schumann“ antwortet.

Aber das tut mein Zahnarzt natürlich nicht. Zwar trägt er seine Antworten sanft und gelassen vor, doch nicht im Mindesten ätherisch. Was ich übrigens sehr bedauere, da ich die heilenden Energien von rosa Licht und Bergkristallen anstelle einer Extraktion entschieden bevorzugt hätte.

Andererseits hat ein Zahnarzt mit Wuschelhaaren und genügend Fachkompetenz darunter auch sein Gutes. Vor allem, wenn man einen Backenzahn hat, der das Zahnfleisch vor lauter Entzündung in ungeahnte Höhen treibt.

Ob er (der Arzt, nicht der Zahn) trotzdem ein Instrument spielt, habe ich lieber nicht gefragt. Angenommen, er spielte wirklich Klavier, Geige oder Bratsche, wäre es ziemlich unfair, das im Internet zu veröffentlichen. Und es zu verschweigen – zu anstrengend.

Viel schlimmer aber wäre, wenn er tatsächlich ein Instrument beherrschte, nur das Falsche: „Interessant, dass Sie das fragen! Ich bin nämlich seit 20 Jahren die Tuba bei Blau-Weiß Schützeneintracht.“ Wobei ich nicht falsch verstanden werden möchte: Ich habe nichts gegen Spielmannszüge und ich bin auch nicht rassistisch. Trotzdem finde ich, dass ein Zahnarzt dort nichts zu suchen hat, jedenfalls nicht, solange er mein Zahnarzt ist.

Also blieb vor meinem geistigen Auge alles, wie es ist. Bis der Termin kam.
Ich lag im Zahnarztsessel, die linke Backe bereits bis zum Anschlag betäubt, als mich der Zahnarzt mit seinem Musikerblick anschaute und sagte: „Ich setze jetzt das Instrument an.“ Mir ging ein Licht auf: Nicht Pianist, nicht Geiger – der Mann war im früheren Leben Dirigent!

So zog er auch den Zahn: Wie ein Largo von Smetana bewegte er ihn erst nach liiiiiiiiiiiiiiiinks, dann nach reeeeeeeeeeeeechts, dann wieder nach liiiiiiiiiiiiinks. Das hatte fast etwas Symphonisches. Jedenfalls zu Anfang, nach dem fünften Mal eher weniger. Doch bevor ich um eine Unterbrechung bitten konnte, um zu fragen, ob er den Zahn ziehen oder mit ihm Walzer tanzen wollte, war der Zahn draußen. Und es hat wirklich nicht wehgetan! Selbst am nächsten Tag nicht, ich bekam sogar den Mund auf, habe nicht einmal die Einstichstellen der Spritze gespürt und geschwollen war auch nichts.

Was lernen wir daraus? Wenn es um Zahnärzte geht, denen die Pressepfarrerin privat begegnet, bekommt die Frage nach der Wiedergeburt eine ganz andere Dimension. Was nicht daran liegt, dass die Pfarrerin abtrünnig wird, sondern weil sie vermutet, dass für Zahnärzte eschatologische Sonderregeln gelten.
Außerdem wissen wir jetzt, dass die Pressepfarrerin gehalten ist, sich die nächsten Tage von Suppe oder von Lebensmitteln zu ernähren, die man nur rechtsseitig kauen kann. Das war’s auch schon.

Manchmal denke ich, dass die theologische Brillianz
mit jedem Zahnarztbesuch abnimmt…