Meine Perle

nino

Drei Tage Hamburg. Eigentlich war Kloster Kirchberg angedacht, aber das war voll und ich hatte mir ohnehin überlegt, dass ich wieder öfter in die Hansestadt fahre. Dafür sprach außerdem, dass ich gerne für mich sein wollte, aber genügend Twitterer im Norden kenne, falls ich nicht zurecht gekommen wäre. Ich machte einen Plan, was ich mir angucken möchte, dann ging es los.

Am ersten Tag besuchte ich das Panoptikum. Ich bin noch nie in einem Wachsfigurenkabinett gewesen, das war tatsächlich interessant. Trotzdem brauche ich das nicht wieder. Die historischen Figuren und die Nachbildungen, die ich nicht so gelungen fand, waren mir egal, aber jedesmal wenn eine Puppe sehr meiner Vorstellung des Originalmenschen glich, sprangen meine Alarmglocken an: Die Wachspuppen sahen aus wie Leichen, aber nicht im Sarg mit gefalteten Händen, sondern vermeintlich quicklebendig in Alltagsposen wie Zombies. Das war mir zu gruselig! Ich fühlte mich wie ein scheuendes Pferd, das instinktiv vor einer Gefahr zurückweicht.

Wobei ich ein gewisses Erschauern die ganze Zeit nicht los geworden bin. Weiter ging es nämlich am nächsten Tag mit einer Hafenrundfahrt. Zwei Stunden schipperten wir herum. Das war wirklich toll und die Barkasse fuhr einmal ganz nah an den Bug eines Riesencontainerschiffes heran. So ein Schiff ist etwa 400 m lang und über 50 m breit, das war schon krass! Wenn man alle Container, die es laden kann, hintereinander aufstellte, würde die Schlange von Hamburg bis Hannover reichen.

Im Angesicht dessen mutig geworden besichtigte ich anschließend das ehemalige russische U-Boot U 434, was das absolute Highlight meiner Reise wurde. War das spannend! Im Innern spielten sie u.a. Sonartöne ein. Ein Junge aus unserer Besichtigungsgruppe, wohl 13 Jahre alt, fragte, was das für ein Geräusch sei. Ich murmelte spontan „den Film nicht geguckt“, worauf sein Vater hinter mir leise antwortete „den kennt er noch nicht“. Dieser kleine Dialog hat mich bis nach Hause beschäftigt, wo ich mir „Das Boot“ im Director’s Cut sofort noch einmal ansah. Diese Mischung aus Faszination, Begeisterung, Abscheu und Entsetzen, die Kriegsgeschichten in mir wachrufen und hoffentlich im Laufe der Jahre ein paar vernünftige Gedanken freigesetzt haben – ich bin mit diesem Gefühlsmix aufgewachsen und nicht nur ich allein. Die Eltern im Krieg geboren, der eine Großvater lag vor Ostpreußen, die andere Großmutter floh mit meiner Mutter und deren sechs Geschwistern aus Oberschlesien. Heute sind sie alle tot und diese mal leise mal lautere, aber immer beständige Kriegsmelodie ist nicht mehr da. Ich merkte es erst, als ich durch das U-Boot kletterte. Der zarte Knabe weiß so etwas nicht, ich hingegen werde quasi museumsreif.

Das sah Instagram allerdings anders. Auf dem Weg vom U-Boot Richtung Michel stand ich nämlich auf einmal vor dem Erotic Art Museum bzw. seiner kleinen Nachfolge, ich kannte das gar nicht. Ich bin natürlich trotzdem rein, durfte Fotos machen, die prompt von Instagram gesperrt wurden, weil sie laut Hinweis „Nacktheit oder sexuelle Aktivität“ zeigten. Das ging so schnell, dass ich vermute, dass Instagram nicht nur die Bilder ausliest, sondern per Zeit- und Geotag einander zuordnet. Das ist schon sehr fragwürdig und ziemlich bescheuert.

Anschließend wollte ich weiter zum Michel, freundlicherweise nahm mich ein Paketbote in seinem Postauto bis vors Hauptportal mit. Er kam vor 19 Jahren aus Afghanistan und arbeitet jetzt als selbstständiger Söldner bei DHL, neun bis elf Stunden am Tag.

Damit hätte es eigentlich gut sein können, statt dessen kam ich auf die glorreiche Idee, am nächsten Morgen vor der Abreise noch in die Kunsthalle zu gehen. Nun bin ich mit epochenübergreifenden Austellungen bzw. Großmuseen ein wenig heikel, um nicht zu sagen, dass ich da eventuell eine kleine Macke habe. Wenn ich nämlich weiß, dass ich dort (so Gott will) öfter hinkann, renne ich einmal durch die Ausstellung, um mir einen Überblick zu verschaffen, versuche aber gleichzeitig, möglichst viel mitzukriegen, sodass ich ziemlich schnell am Rad drehe. Erst beim zweiten  Besuch wird es besser, wenn ich weiß, was ich will. In diesem Fall möchte ich die Ausstellung beim nächsten Mal rückwärts anfangen, weil mich die Moderne im Moment mehr interessiert als die alten Meister.

Nun zur Fotocollage: Helmut Schmidt und die Geschwister Scholl im Panoptikum – die Elphi bei der Hafenrundfahrt vom Wasser aus fotografiert – der Turm des U 434 und seine Tiefenmesser (schwarz-weiß) – Luther auf einem alten Fenster, ausgestellt in der Krypta des Michel – Magdalena Dorothea Runge, Mutter von elf Kindern, im Alter von 69 Jahren von ihrem Sohn Philipp Otto Runge gemalt (Ausschnitt) – Abschiedsessen im Bistro der Kunsthalle: Echtes Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat – wieder zu Hause mein Andenken aus dem Erotikmuseum, ein schwarzer Ziegelstein mit dem Foto einer erotischen Rückenansicht in schwarz-weiß vom Créateur de Passion, dazu ein Aperol Spritz.