„Ein Kanapee brauche ich immer“

Von Benedikt XVI. ist ein neues Buch erschienen: „Letzte Gespräche.“ _lb-7iaeDas sind Interviews, die Peter Seewald mit dem emeritierten Papst geführt hat. Der wiederum war einverstanden, dass diese auch veröffentlich werden.
Es ist ein freundliches, ja herzliches Buch geworden, was nicht nur an Seewalds einfühlsamen Fragen liegt. Immer wieder schimmern Benedikts zarten Saiten durch. Ratzinger und Seewald schauen gemeinsam zurück, ordnen Erlebnisse ein oder stellen manchmal etwas richtig: Zeitgeschichte und darum auch für Nicht-Theologen gut verständlich.
Deutlich ist, dass der vormalige Papst selbst dieses Resümee nicht mehr braucht. Er hat seinen Frieden mit dem Erlebten gemacht. Angekommen im betenden Hier und Jetzt, über die Kindheit und Jugend in Bayern, Konzil und Professur, bis er – kaum dass er sich in das Bischofsamt in München eingefunden hatte – nach Rom gerufen wurde. Die Geschichte ist bekannt.

Allerdings wurde mir erst beim Lesen der Gespräche wirklich klar, wie sehr Benedikts Zeit als Papst und Präfekt von seinem Wesen als Theologieprofessor durchdrungen war. So lassen sich nahezu alle seine Fehleinschätzungen damit begründen; was er selbst auch immer wieder tut, während man beim Mitlesen heftig nickt oder es im Gegensatz zu ihm überhaupt erst bemerkt.
Bestes Beispiel ist die Pillen-Enzyklika „Humanae vitae“ von
Paul VI. Nach seiner Meinung befragt benennt Benedikt ihren Mangel an theologischer Anthropologie, der später durch Johannes Paul II. korrigiert wurde. Mehr sagt er dazu nicht. Frauen, Beziehungen, Kinderwunsch – kurz, was macht das mit dem Leben, wenigstens in Andeutungen? Fehlanzeige.

Andererseits ist es gerade die theologische Seite Benedikts, die seine Zeit als Papst ausmacht und die ich noch lange nicht für ausgeschöpft halte. Seine Überlegungen zur Liturgie erlebe ich (bei aller konfessionellen Unterschiedlichkeit) immer wieder als große Bereicherung. Glaube und Vernunft zusammenzubringen, was für ein Thema! Bei den Protestanten findet er ausgerechnet Karl Barth toll. Die Selbstverständlichkeit, mit der er sich in kirchlichen und geistlichen Angelegenheiten auf – genau – Kirche, Schrift und Gottesdienst bezieht, ohne sich dafür zu entschuldigen, ist großartig und wird leider selbst von Christ_innen immer weniger verstanden.

Volksnah war Benedikt nie. Das in der Überschrift zitierte „Kanapee“ braucht er nicht, um dort zu den Nachrichten gemütlich ein Glas Fanta zu trinken, sondern weil man darauf „die Sachen ruhig bedenken“ und dann in dogmatischen Aufsätzen niederlegen kann. Auch den „Panzerkardinal“ trifft man höchstens in der Notwendigkeit des Handelns. Aber da dieses Bild ja seit Jahren bekannt ist, schadet es nichts, sich auch einmal die anderen Wesenszüge anzugucken.

Insgesamt sind die ‚Letzten Gespräche‘ ein Spaziergang durch die Zeitgeschichte, wie sie Benedikt XVI. erlebt hat und ein gutes Lesezeichen, wenn man sich weiter mit seinem Werk beschäftigen möchte. Mehr wollen sie nicht sein. Aber wenn man bedenkt, dass es ein Papst ist, der hier Bilanz zieht, ist das schon richtig viel.

Benedikt XVI.: Letzte Gespräche. Mit Peter Seewald,
München 2016