Wie ich wieder mit Handy bin

Sieben Jahre, vier Monate und fünf Tage bin ich ohne Handy ausgekommen oder wie es heute heißt, ohne Smartphone. Meine ständige Erreichbarkeit endete im Frühling 2011 nach 19 verpassten Anrufen in zwei Stunden, einem Zusammenbruch und diversen Hammerschlägen auf das Display des kleinen, schwarzen LGs mit der Ritschratschoptik, auf das ich doch so stolz war.

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Zwei Jahre dauerte es, bis sich mein Umfeld an mich ohne Handy gewöhnt hatte, weitere zwei, bis ich mich souverän genug fühlte, meine Erfahrungen damit aufzuschreiben und noch einmal gut drei, bis ich es mir wieder anders überlegte.

Meine sämtlichen Social-Media-Aktivitäten, für die ich in der Kirche so ganz unbekannt nicht mehr bin und den Freundes- und Bekanntenkreis der letzten Jahre habe ich mir komplett über iPad mini und Macbook aufgebaut. Warum man ohne mobilen Computer zurecht kommen soll, ist mir schleierhaft, aber ein Handy braucht man nicht, ich habe es bewiesen.

Vielleicht fing ich deswegen wieder an, mich noch einmal umzusehen. Ein erster Testlauf war das billige Kartenhandy, das ich mir für Notfälle anschaffte, weil Vodafone mein häusliches Festnetz samt Internet zum zweiten Mal über Weihnachten für Monate kaputt gemacht hatte. Das war noch im Ruhrgebiet. Als ich kurz darauf den Anbieter und die Stelle wechselte, behielt ich das Telefon trotzdem, für den Umzug und später als Notfallhandy auf Reisen. Ansonsten lag es ausgeschaltet in einem Gefrierbeutel im Büroschrank.

Und ja, das funktionierte. Meine Telefonregeln waren meinem Umfeld und mir über die Jahre so in Fleisch und Blut übergegangen, dass niemand auf die Idee kam, mir das wieder madig zu machen. Eine einzige Ausnahme gab’s. Ich schnappte nach Luft, war aber mittlerweile erfahren genug, um zu wissen, dass sich in der medialen Kommunikation immer diejenigen den größten Lapsus leisten, von denen man es am wenigsten erwartet.

Ein weiterer Anlass war, dass die Smartphones zunehmend größer wurden, von „Seniorenhandys“ war die Rede. Ist mir recht, sehr recht sogar. Ich bin eine vernünftige Bildschirmfläche vom iPad mini gewohnt und brauche keine Streichholzschachtel für die Hosentasche mehr. Und was die Seniorin betrifft: Auch das ist interessant, dass man von mir mit Ende vierzig keine sonderlichen Internet- oder Smartphonekenntnisse erwartet, als hätten die letzten zwanzig Jahre nie stattgefunden. Statt dessen werde ich oft genug aufgefordert, in die Klagegesänge über die böse Digitalisierung einzustimmen und/oder ausgelacht; häufig sogar von Konfis, weil sie zuerst einfach nicht glauben können, dass ich mich auskenne.

Als Joan Baez im August nach Köln kam und die Wanderfreundin die Fotos beim Konzert machen musste, weil das iPad mini weder Blitz noch Zoom hatte, war es schon fast entschieden; eine neue Kamera würde es jedenfalls nicht werden. Dann kam das iPhone XS Max auf den Markt und die Sache war durch. Zweieinhalb Wochen nach der Keynote saß ich in der S-Bahn nach Hannover, um mir das Gerät höchstselbst im Apple Store zu kaufen. Silbern mit 256 GB, schwarzem Latexrücken und Folie, den Vertrag in magenta gab’s im Laden nebendran.

Nun könnte ich anmerken, dass man nach über ’sieben Jahren ohne‘ ein bisschen mehr Geld ausgeben darf, zumal ich ein eher bescheidenes Leben ohne sonderlichen Luxus führe. Die Vollkaskoversicherung, die ich für das iPhone abschloss und die Rechtsschutzversicherung, inklusive Cybermobbing, die ich im Sommer buchte, zeigen aber etwas Anderes und zwar wo meine Prioritäten tatsächlich liegen. Eine Hausratversicherung habe ich nämlich nicht und nur eine kleine Eckcouch vom Möbelschweden.

Zugegeben ist das neue iPhone ein echtes Schmuckstück. Damit meine ich nicht die spezielle Marke. Ich würde das vermutlich über jedes aktuelle Smartphone dieser Größenordnung sagen, wenn ich es mir genauer anschauen würde. Sondern die technische Entwicklung, die andere über die Jahre verteilt und bisweilen kaum merklich mitbekommen haben, halte ich wie ein Ergebnis in den Händen und bin ehrlich tief beeindruckt: Die Schönheit, das überlegte Handling, die Farbpracht und die technischen Möglichkeiten in diesem kleinen Gerät. Was ist der Mensch und was kann er darum?

Auch meinen Lieblingsklingelton habe ich mir wieder draufgeladen, wo ich gerade bei der Ergriffenheit bin. Ich nutze ihn nur fast nie. Fünf Leute bekamen die neue Telefonnummer und allen wurde mitgeteilt, dass ich keine Probleme damit hätte, auch dieses Handy mit dem Hammer zu zerkloppen, wenn wieder irgendetwas einreißt. Dass die Nummer nicht weitergegeben wird, gehört dazu. Dass alle riefen, „dann verkauf es lieber“ und ich schon aus Prinzip nein sagte, auch.

Aber bisher blieb alles ruhig. Ich genieße die Vorteile, wie die App für die Parkgebühren in der großen Stadt nebenan und die Möglichkeiten, die mir die Funktionen der Kamera bieten. Der Sound ist großartig. Das iPad mini bekam einen neuen Platz am Bettrand, labert mich abends in den Schlaf und während der morgendlichen Lektüre wache ich langsam wieder auf. Als die Wanderfreundin kürzlich hören wollte, wie es mir geht, rief sie aus Gewohnheit über Facetime an.

Für Erstaunen sorgt mein iPhone nicht, was ich mit pikierter Erleichterung zur Kenntnis nehme. Die Vorstellung, dass jemand sieben Jahre lang kein Handy besitzt, ist den meisten Menschen mittlerweile völlig fremd. Sie hatten ohnehin geglaubt, dass ich eins hätte. Nach der Nummer fragt ebenfalls fast keiner mehr. Dass einen diese ständige Telefoniererei in den Wahnsinn treibt, scheint sich (außer in Ruheabteilen von Zügen) mittlerweile herumgesprochen zu haben und dass Pfarrerinnen ihre private Handynummer nicht herausgeben, auch. Damit kann ich arbeiten und der Rest wird sich finden.