Was bisher geschah

Am Montag wies mich eine katholische Kollegin auf die Kreuzwegandacht im Gotteslob und eine moderne Fassung in der Fastenaktion von Misereor hin. Ich hatte sie danach gefragt, weil ich für Karfreitag zur Todesstunde Jesu einen Kreuzweg von der Kirche über den angrenzenden Friedhof plane.
Hier finden nach wie vor keine Präsenzgottesdienste statt, aber falls in der Heiligen Woche wieder etwas geht, werden wir trotzdem noch auf vieles Rücksicht nehmen müssen. Der Kreuzweg wäre auf jeden Fall an der frischen Luft, ohne ein Behelfs- oder Alternativprogramm zu sein.

Denn das ist die Lehre, die ich aus der Vollbremsung kurz vor Weihnachten gezogen hatte, die sicherlich mit zu dem schlimmsten gehört, das ich bisher in meiner Dienstzeit erlebt habe. Wir waren mit den Vorbereitungen für zwei Outdoor-Christvespern im Wesentlichen fertig und ich hatte da schon den steigenden Druck gespürt, ohne ein Ventil dafür zu finden. Am 11. Dezember hob Laschet endlich die Fahne, am 16. Dezember gab die Landeskirche sehr, sehr spät, aber Gottlob sehr deutlich die Empfehlung, keine Präsenzgottesdienste mehr zu feiern und am 17. Dezember stimmte dem das Presbyterium zu. Derweil hoben wir, angeleitet von einer Kollegin im Pfarrteam, Plan B aus der Taufe, während eine Beerdigung auf die nächste folgte. Dieser Druck, weil man nach bestem Wissen und Gewissen kaum zwei Wochen vor Heiligabend überzeugt ist, keine Weihnachtsgottesdienste mehr anbieten zu können, ohne zu wissen, ob man dafür Rückhalt und alles weitere Erforderliche bekommt, der war schon irre, auch wenn es schließlich glücklich endete:

Die Kirche war an Heiligabend bis in die Nacht geöffnet, mit Krippe, Friedenslicht, Kerzen zum Anzünden und zum Mitnehmen, dazu Segensworte auf gerolltem Papier. Maximal zehn Personen durften gleichzeitig hinein.

Sonst hätten wir wie jedes Jahr die Christvespern gefeiert, wo ich als Pfarrerin wie von selbst in die Gesichter der Leute blicke, üblicherweise vom Altar aus. Ich sehe den Stress und die Müdigkeit, die Hast und den Versuch, die Anspannung der letzten Tage jetzt, jetzt! hinter sich zu lassen, was auf Kommando gar nicht geht. Ich sehe die Aufregung der Kinder, auch sie gleichermaßen verwirrt, weil die Christvesper eher Landebahn als Festauftakt ist. Der kommt meistens erst später, irgendwie.

Das war dieses Mal anders. Die Menschen, die kamen, ob jung oder alt, waren still. Auf Zehenspitzen und mit den großen Augen fühlbarer Andacht. Gewisperte Gebete, in sich versunken. Familien, die gemeinsam zur Krippe gingen. „Nun lasst uns gehn und treten…“ Ich habe die Atmosphäre an Heiligabend noch nie so angefüllt erlebt. Wie können wir uns das erhalten, in der Kirche und in der Welt? Denn wir brauchen solche Orte, solche Momente, das ist meine Überzeugung.

Was wir nicht brauchen, ist noch einmal der Schrecken einer solch heftigen Kehrtwende, auf die man mit Vollgas zugerast ist. Deswegen haben wir im Pfarrteam für die Heilige Woche dieses Mal von vornherein geguckt, dass die verschiedenen Varianten so gestaltet sind, dass der Kursschwenk niemanden aus der Kurve trägt. So kann z.B. der Kreuzweg stattfinden, ob mit Auflagen oder ohne und wenn nicht, weiten wir wieder das Angebot der Offenen Kirche aus. Die Vorbereitungen bleiben sich in allen Varianten nahezu gleich. Wobei ich mit der Anspannung kurz vor Weihnachten nicht alleine war. Sowohl im Team als auch im Freundeskreis sah und hörte ich ähnliche Erschütterungen.

Zusammen mit dem Schnee ist der Lockdown für mich mittlerweile überall. Kein Treffen mit Familie K. nach Weihnachten, kein Geburtstagsbesuch bei der Enkelin, kein Schwimmbad, kein Bogenschießen. Ich komme nur noch zum Einkaufen und Beerdigen raus. Das einzige private Treffen im letzten Jahr war zwischen den Jahren mit der Wanderfreundin.

Das Hansebarcamp Ende Januar empfand ich darum als echtes Highlight! Obwohl komplett gezoomt hatte ich wenigstens für ein Wochenende das Gefühl von Normalität und konnte endlich wieder ein paar Leute treffen. Frau K. bekam letzte Woche die erste Impfung. Aber wenn ich dann höre, wie die Enkelin traurig fragt: „Immer noch ’rona?“, weil sie merkt, dass sie wieder nicht mit zum Einkaufen durfte, fällt mir trotzdem nichts mehr ein. Ich befinde mich mittlerweile in einer Art Verharrungszustand.

Die Dienstgespräche laufen derweil alle auf Zoom, die Trauergespräche telefonisch, der KU auf Discord. Dort haben wir auch mit den Konfis Abendmahl gefeiert, weil es nicht genügend Präsenzgottesdienste in diesem Jahrgang gab. Am Sonntag Abend hielten wir den Vorstellungsgottesdienst, den die Konfis selbst vorbereitet hatten. Wir trafen uns dazu auf Zoom und streamten dies für die Familien bei twitch. Und so ungewohnt das für alle war, zeigte twitch 93 Geräte online an, vor denen oft mehr als eine Person saßen. Selbst bei großen Konfigruppen sieht man so viele Angehörige im analogen Vorstellungsgottesdienst nicht. Ich bin gespannt, was das für zukünftige Gottesdienste, nach der Hochphase der Pandemie, bedeutet. Wie die Konfirmationen Ende April stattfinden, steht ebenfalls noch nicht fest.

Auf Twitter poste ich seit Jahren den aktuellen Wochenspruch, am Samstag Abend war es Lk 18,31 zu Esto mihi: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ Wer hätte gedacht, dass man das auch tanzen kann? Danke, Claudia, tanzen hilft!