Fritz the Genesis

Robert Crumb hat die Genesis gezeichnet. Robert… wer? Genesis… hä?
Also noch einmal: Der Erfinder von „Fritz the Cat“ hat das erste Buch der Bibel gezeichnet:
Bild für Bild, Vers für Vers.

Herausgekommen ist ein Comic der monumentalen Art, zumal sich Crumb die alten TV-Epen zum Vorbild nimmt: Gott, (natürlich) Vater, sieht aus wie eine Kreuzung von Mose und Neptun. Die Frauen haben noch richtige Waden und dass die Schöpfungsgeschichte näher an der Steinzeit als am 21. Jahrhundert liegt, ist ebenfalls gut getroffen.

Auch beim Text setzt Crumb auf die alte Schule: Das Original zitiert King James („now art thou cursed“), die deutsche Übersetzung übernimmt der vorrevidierte Luther („sintemal“) – von Crumb so aufgezeichnet, wie er es verstanden hat.

Theologisch gebildete LeserInnen werden da manchmal durchatmen müssen. Denn dass keine Auslegung auch eine Auslegung ist, ließe sich nicht nur an Gott „Vater“ zeigen.
Andererseits: Warum auch nicht. Es muss nicht immer der scholastische Elfenbeinturm sein, dem die Muse entspringt. Die LeserInnen sind ohnehin frei, sich ihren eigenen Reim zu machen.

Denn anschaulich in des Wortes bester Bedeutung ist Crumbs Genesis auf jeden Fall. Sie wirkt solide und unspektakulär. Und gerade darum überraschend.

Robert Crumb: Robert Crumbs Genesis, Hamburg 2009 (Carlsen), 224 Seiten

Bilder: Carlsen/Crumb

12 Kommentare zu “Fritz the Genesis

  1. Werden solche Comics nicht meist von LiebhaberInnen gelesen?

    Mich hat das Buch zuerst ziemlich geflasht, weil die Kombination aus altem Luthertext und Comicbildern für mich völlig verwirrend ist.
    Aber gerade das macht es spannend, Seite für Seite.

  2. *lächel* Das wird wohl so sein. Es wäre aber auch schön gewesen, mit dieser „Bilderbibel“ neue Leserkreise zu erschließen.

    Der 1912-Text wurde damals von einer Reihe Leuten als Gottesstrafe angesehen, weil er den „echten“, gar „inspirierten“ Luthertext so stark veränderte…

  3. Luther 1912 gleich als Gottesstrafe zu sehen, ist natürlich reichlich übertrieben. Ein wenig verstehen kann ich es trotzdem. Ich bin ein großer Fan des aktuellen, ’neuen‘ Gesangbuchs. Aber dass es in „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ (EG 150) nicht mehr „über blaches Feld“, sondern „über Flur und Feld“ heißt, regt mich ebenso auf wie „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ (EG 27), 6. Strophe: „Heut schließt er wieder auf die Tür…“ Da stand mal „schleust“. Aber man leidet ja, wo man kann.

    Was die neuen Leserkreise betrifft, besteht noch Hoffnung:
    Sogar die taz hat sich des Themas angenommen.

  4. Hier ebenfalls: Die „ökumenische“ Variante von „Lobe den Herren, den mächtigen König“ hat bei mir Hausverbot…

    Hoi, die taz… ich bin verbluffen!

  5. Ja, lieber Kollege, da sind wir einer Meinung. 😀
    „Sonne der Gerechtigkeit“ (263,6) gehört auch in die Reihe.

    Was die taz betrifft, sollte man die Dinge trotzdem im Rahmen sehen.
    Hier scheint mir Gen 4,1a doch sehr im Vordergrund zu stehen…

  6. Oh ja, natürlich. Meine französischen Freunde haben es aber in den Siebzigern fertiggebracht, in ein altes Lied die Angst vorm Atomkrieg einzudichten. In Frankreich! Dagegen sind deutsche Gesangbücher schwach…
    Mit „Das sollt ihr, Jesu Jünger“ habe ich mich übrigens arrangiert; der Text ist nicht „versaut“ im künstlerischen Sinn – nur anders.

    Den taz-Artikel hätte ich mal eingehender lesen sollen… 😉 Man könnte ja meinen, am liebsten hätte der Autor die Bebilderung von „Lot und seine Töchter“ kommentiert, es aber lediglich nicht gewagt…
    Dafür hat er Nachhilfebedarf in Deutsch:
    Der größte Bildfundus in einer Epoche, in der […] die katholische Kirche Kunstmäzen spielte, stellte natürlich ein Buch da,“ gleich zwei Fehler in einem Satz, haben die kein Lektorat?
    Die ewigdämliche Gleichsetzung von römischer Kurie und „die Kirche“ mag man ja schon fast nicht mehr aufgreifen!

  7. Dann greife ich statt dessen auf, dass laut einer Umfrage der bekanneste SPD-Politiker in NRW Jürgen Rüttgers(!) heißt.

    Lots Töchter sind genau eines der theologischen Probleme, die ich mit diesem Comic habe. Wobei ich nicht missverstanden werden möchte: Mich stört nicht, dass die Damen und Herren Urgeschichte beim *** gezeigt werden, aber gerade zu der Aktion von Lot (für die er ja angeblich nix kann, weil ihn die bösen Mädels…) wäre doch einiges zu sagen oder anders darzustellen gewesen.

    Finden Sie „Wach auf, du deutsches Land“ (145) wirklich schwach?

  8. Und wenn man Franzosen nach einer deutschen Stadt fragt, nennen 30% Straßburg…

    Nun ja, ich kenne die Darstellung nicht. Mich hat an der Geschichte bloß immer schon befremdet, daß die Mädchen ein Problem haben wollten, das nicht mal für Kain und seinen Bruder Seth erwähnt wird: Mangel an Verpaarungspartnern…

    Ich habe gerade mal auf meinen Schreibtisch geholt: eg145 neben ekg 390 und Deutsches Evangelisches Gesangbuch 500 (jeweils die Ausgabe Rheinland-Westfalen).
    Zunächst fällt mir auf: EKG neun Strophen, DEG fünf (entsprechend EKG, 1., 3., 5., 8., 9), eg sieben (entsprechend EKG, 1., 3., 4., 5., 6., 8., 9)
    Zwei Textänderungen fallen mir auf: einmal ist Evangelion in Evangelium geändert (und damit der Reim zerschossen), und dann die Alternative, „deutsches Land“ durch „unser Land“ bzw. „Deutschland“ durch „o Land“ zu ersetzen. Diese finde ich innerhalb der deutschen Grenzen reichlich seltsam, kann sie aber insofern akzeptieren, als das eg auch über die Grenzen Deutschland hinaus verwendet wird und man das Lied mit dieser Änderung auch im Elsaß oder in Österreich singen kann.
    Warum aber sind die 2. und 7. Strophe (nach EKG) im eg gestrichen worden?
    Interessant auch, daß das neue Brüdergemeinde-Gesangbuch, das noch 1967 (2.Aufl. 1982) alle neun Strophen des EKG aufwies, nun allein „unser Land“ nennt, und die Strophen 1, 5, 6, 8, 9. Warum?

    Mag man das „Wort der Gnaden“ und „will heilen deinen Schaden“ (2.) nicht mehr hören?
    Will man von dräuender „Straf“, die „auf dem Halse leit“ (7.) nichts mehr wissen?
    Dann müßten wir Gesetz predigen, zur Erkenntnis der Sünde…

  9. Ich habe EG, EKG und DEG gerade auch nebeneinandergelegt und war zugegeben überrascht. Nachdem ich die EKG-Fassung in der Rubrik „Für Volk und Vaterland“ gelesen habe, verstehe ich schon, warum man mit dem Lied seine Schwierigkeiten haben kann. Die Frage ist nur, was man daraus macht:

    Entweder, man sagt, dieses Lied ist nach aller geschichtlichen Erfahrung so missverständlich, dass selbst seine von Ihnen beschriebene Theologie, sein historischer Kontext im 16. Jh. und die entsprechende Rubrizierung im EG unter „Bußtag“ es nicht zu retten vermögen. Schon das DEG kannte nur fünf Strophen und wird gewusst haben, warum. Dann muss man so konsequent sein und es streichen. („Weil ich Jesu Schäflein bin“, DEG 64*, gibt es schon seit dem EKG nicht mehr, das als völlig unverfängliches Beispiel nebenbei.)

    Oder man sagt, dieses Stück gehört mit all seinen Missverständlichkeiten aus heutiger Perspektive zu unserem tradierten Liedgut und ist mit entsprechender theologischer Sorgfalt zu handhaben (für die wir schließlich ausgebildet wurden). Dann nimmt man es auch mit den Strophen 2 und 7 (EKG).

    Statt dessen haben wir jetzt den faulen Kompromiss mit vermurksten Texten, die erst recht ein ungutes Gefühl hinterlassen, wenn man das Lied synoptisch betrachtet.

  10. Das EKG – zumindest im Stammteil – war schrecklich restriktiv und geradezu puristisch konzipiert. Quasi sämtliche Lieder, die nach 1800 gedichtet oder melodiert waren, wurden gestrichen, ebenso wie diejenigen, die zu sehr nach Pietismus oder Erweckung klangen; und nicht zuletzt wurden auch beliebte Melodien der romantischen Epoche durch „wertvollere“ ersetzt. Eins der bekanntesten Beispiele ist „Geh aus mein Herz und suche Freud'“, dessen EKG-Melodie recht hübsch ist, aber sicher nie gesungen wurde – statt dessen sang man weiterhin die „Frauenhilfsmelodie“, wie die puristischen Musici sagten, und hatte Freude dran.
    Die landeskirchlichen Anhänge haben den Mangel an 19. Jahrhundert, an Spätpietismus und Erweckung, ein wenig gemildert. Einige Lieder, die tatsächlich zur gottesdienstlichen Praxis gehörten, obwohl im DEG noch mit * als „nicht für den gottesdienstlichen Gebrauch“ gekennzeichnet, finden wir also in den Regionalteilen; dafür fällt, leider, der Abschnitt „geistliches Volkslied“ fort, und das EKG wird tatsächlich zum Kirchengesangbuch, ist kein Hausbuch mehr (das das eg wieder werden will). Es ist auch das erste Gesangbuch, das in großen Mengen in den Kirchen ausliegt; vorher brachte jeder seines von zuhaus mit.

    Vor diesem theologischen (und hymnologischen) Hintergrund ist mir ziemlich deutlich, warum das EKG bei seiner Nummer 390 alle bekannten Strophen aufweist: sie passen in den Geist der Zeit, quasi eine Neo-Renaissance in der Rückbesinnung aufs 16. Jahrhundert und seine theologischen Akzente. Das DEG ist, wenn ich mich nicht irre, um 1930 entstanden; das war nicht gerade eine Zeit der nationalen Buße…

    „Jesu Schäflein“ ist theologisch noch tragbar, allerdings sprachlich furchtbar schwülstig! Ich lasse es gern Lothar Steiger, dieser Klopstock-Verehrer – den ich ansonsten sehr schätze – wird es sicher lieben. 😉

  11. Gesangbücher scheinen ja Ihr Steckenpferd zu sein. Mal sehen, womit ich da zum Abschluss noch punkten kann. 😉

    Die allgemein übliche Melodie von ”Geh aus, mein Herz” können Sie auch für das Engellied EG 143, „Heut singt die liebe Christenheit“, nehmen.

    „Ich bete an die Macht der Liebe“ klingt in EG 661 wieder so, wie es sich gehört, nämlich nach Bortnjansky. Außerdem hat es im Liedverzeichnis zwei Einträge: Einmal (wie üblich) den Anfang der ersten Strophe „Für dich sei ganz mein Herz und Leben“ und einen weiteren für die hier genannte zweite.

    Und „Jesu Schäflein“ ist ein wunderbares Kindergebet, wenn Sie es nicht singen, sondern sprechen.

    Ansonsten gilt, dass jedes Gesangbuch ein Kind seiner Zeit ist und immer auch für sich in Anspruch nimmt, die Gemeinde erziehen zu wollen. Beim EG sieht das so aus, dass man den Leuten ihre Melodien wiedergibt und statt dessen die Axt an die Texte legt die Texte vorsichtig überarbeitet hat. Der Konziliare Prozess (Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung) war für die Gestaltung der Rubrik „Glaube – Liebe – Hoffnung“ übrigens die „Leitmelodie“, immerhin.

    Ihnen und Frau Pfarrer einen gesegneten dritten Advent!

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